Compliance-Regeln
Unterschätzte Gefahr

Nicht alle Unternehmer haben ihre betrieblichen Risiken unter Kontrolle. Viele kennen sie nicht einmal. Dabei würden sie mit einer systematischen Finanzkontrolle ihre Ratingqualifikationen deutlich verbessern. Denn Compliance-Regeln - Richtlinien zur Vermeidung von unternehmerischen Risiken - gelten für alle Unternehmen - auch für kleine.

FRANKFURT. Die traditionsreiche Schmuckmanufaktur Victor Mayer in Pforzheim hat den alten Tresorschlüssel buchstäblich an den Nagel gehängt. Stattdessen sichern jetzt moderne Chipkarten die Tore. Marcus Oliver Mohr, Geschäftsführer der Victor Mayer GmbH & Co. KG hält Gold, Platin und Edelsteine hermetisch unter Verschluss - mit einem elektronischen Sicherheitssystem, das Diebstahl automatisch ausschließt.

Für das Unternehmen, das vor über 150 Jahren gegründet wurde, ist Risikovorsorge seit jeher obligatorisch. Nicht nur die hochkarätigen Rohstoffe will Mohr vor fremden Zugriffen sichern, sondern auch die Design-Entwürfe vor Plagiaten schützen. Darauf drängen auch die Versicherungen. "Doch auch Banken wollten für ihre Finanzierung wissen, ob ein derartiges Unternehmen über moderne Sicherheitsanlagen verfügt", sagt Peter Lamers, Rechtsanwalt und Leiter der Ecovis G + C Rechtsanwaltsgesellschaft in Krefeld.

Nicht alle Unternehmer haben ihre betrieblichen Risiken unter Kontrolle. Viele kennen sie noch nicht einmal. Dabei können sie damit ihre Ratingqualifikation dramatisch verbessern. Denn Compliance-Regeln - Richtlinien zur Vermeidung von unternehmerischen Risiken - gelten für alle Unternehmen - auch für kleine. "Wir beobachten, dass Compliance vor allem für mittelständische Unternehmen immer wichtiger wird", sagt Wilhelm von Haller, Mitglied der Geschäftsleitung Firmenkunden Deutschland und des Management Committee Deutschland der Deutschen Bank. "Die Beherrschung der unternehmenseigenen Risiken und Konflikte durch ein Risikomanagementsystem werden zunehmend zu einem Wettbewerbsvorteil."

Compliance beschränke sich nicht auf spektakuläre Korruptionsfälle oder Datenmissbrauch, sondern beginne als unternehmerische Vorsorge bereits bei banalen betrieblichen Risiken wie dem Ausrutscher eines Supermarkt-Kunden auf einer Bananenschale oder bei der einfachen Liquiditätsplanung, sagt Lamers von Ecovis. "Kann ein Unternehmen ein sachgerechtes Risikomanagement nachweisen, wird das Rating positiv beeinflusst."

Sparkassen und Landesbanken nehmen in ihrem internen Rating-Verfahren die installierten Controllingprozesse genau unter die Lupe. Im Bereich "Planung und Steuerung" werden zum Beispiel "Risikofrüherkennungssysteme" explizit bewertet. Ausdrücklich bei allen Kunden der Sparkassen und Landesbanken werden "Planungen für den Fall, dass der Unternehmer die Geschäftsführung nicht mehr selbst ausüben kann" hinterfragt. Ebenfalls geprüft werden "die Risiken, die in den Bereichen Politik, Recht, gesellschaftliche Trends oder Umwelt" begründet sein können.

Auch bei der Deutschen Bank wird beim Rating neben der Beurteilung von quantitativen Kriterien wie der finanziellen Situation eines Unternehmens oder dem Wettbewerb auch eine qualitative Bewertung durchgeführt: "Dabei spielt die Bewertung des Risikomanagements und der Compliance eine wichtige Rolle. Unternehmen, die auch bei Compliance-Fragen gut aufgestellt sind, können Risiken besser beherrschen. Das wiederum hat einen positiven Einfluss auf das Rating", sagt Deutsche-Bank-Experte von Haller.

"De facto kann es sich kein mittelständisches Unternehmen mehr leisten, das Thema Compliance zu ignorieren", resümiert Experte Lamers, der bereits eine Vielzahl von Unternehmen auf Ratingverhandlungen mit Banken vorbereitet und Compliance-Regelungen implementiert hat.

Während Großkonzerne ganze Compliance-Abteilungen und Vorstandsressorts einrichten, stehen die meisten mittelständischen Unternehmen aber ratlos vor einem zeitlichen und personellen Problem. Risikomanagement ist - wenn überhaupt - in kleineren Betrieben reine Chefsache. "Ein Fehler", sagt Lamers. Er rät mittelständischen Unternehmen, sich dieses Themas konkret anzunehmen, effektiver zu delegieren und eine eigene Compliance-Verantwortlichkeit im Betrieb zu schaffen. "Prädestiniert sind die Controlling- und Rechtsabteilungen."

Compliance

Wirtschaftlicher Nutzen
Der Begriff Compliance bezeichnet die Einhaltung von Gesetzen und Richtlinien, aber auch freiwilligen Kodizes von Seiten eines Unternehmens. Eine solche Kontrolle soll das Unternehmen präventiv vor Fehlverhalten bewahren, das auf Unwissenheit oder Fahrlässigkeit beruht. Der wirtschaftliche Nutzen ist die Vermeidung von Kosten durch Schäden und Strafzahlungen, aber auch eine Verbesserung der Bonität und damit bessere Kreditkonditionen.



Informationen erwünscht
Die Regierungskoalition in Berlin arbeitet derzeit an einem Gesetzentwurf, der die rechtliche Situation sogenannter Whistle-Blower stärken soll. So soll es für Arbeitnehmern leichter werden, Informationen, die nicht im Einklang mit den Unternehmensgrundsätzen stehen, oder strafbare Geschäftspraktiken an das Compliance-Management weiterzugeben. Zum Schutz der Informanten soll der Paragraph 612a des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB) geändert werden.

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