Deutscher Mittelstand
Finanzierungsprobleme bleiben trotz guter Konjunktur

Der Deutsche neigt zu Übertreibungen. Vor wenigen Jahren wurde der Mittelstand als Auslaufmodell bezeichnet. Angesichts der guten konjunkturellen Lage sehen viele ihn wieder auf der Überholspur. Die Wahrheit liegt in der Mitte.

ESSEN. Die Leistungsfähigkeit des deutschen Mittelstands war nie so schlecht, wie sie früher gesehen wurde – aber sie ist auch nicht so gut und vor allem stabil, wie sie aktuell in vielen Medien beurteilt wird.

Der erste Schwachpunkt des Mittelstands liegt in seiner Struktur. Laut dem Institut für Mittelstandsforschung erwirtschaften derzeit nur etwa 10 000 Firmen einen Umsatz über 50 Mill. Euro. Bei 3,4 Mill. Unternehmen insgesamt ist dies eine – im internationalen Maßstab – bedenklich geringe Anzahl. Der auch für größere Firmen bestehende Konsolidierungsdruck wird derzeit durch die gute Konjunktur nur aufgeschoben, aber nicht aufgehoben.

Das zweite Manko liegt in der immer noch relativ geringen finanziellen Stabilität und Rentabilität einiger Unternehmen. Laut der aktuellen Untersuchung des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV) „Diagnose Mittelstand 2007“ arbeitete 2005 etwa ein Drittel des Mittelstands immer noch ohne Eigenkapital und über 22 Prozent befanden sich in einer Verlustsituation. Dies bedeutet nicht mehr, aber auch nicht weniger, als dass ein gewichtiger Teil der deutschen Unternehmen weiterhin zumindest mittelfristig bedroht ist.

Zusätzliche Gefahren lauern in der Rohstoff- und Energiepreisentwicklung sowie in weiter steigenden Zinsen und einem schwächeren US-Dollar. Besonders zu erwähnen ist auch noch das in vielen Firmen ungelöste Problem der Unternehmensnachfolge.

Wie hoch die Potenziale durch strategische, strukturelle und finanzielle Optimierungen sind, lässt sich nur individuell bestimmen. Erfahrungen aus der Praxis zeigen insbesondere in den Bereichen Unternehmensfinanzierung, Standortoptimierung, Immobilienmanagement und Geschäftsprozessoptimierung immer noch brachliegende Kraftreserven. Gerade Unternehmen, die unabhängig bleiben wollen, tun deshalb gut daran, alleine oder mit Hilfe von verlässlichen und pragmatischen Beratern jetzt proaktiv zu handeln.

Das Projekt der Modernisierung des Mittelstandes ist eine Mammutaufgabe. Die Politik kann bestenfalls positive Rahmenbedingungen setzen. Wer die Debatte über die anstehende Unternehmenssteuerreform aufmerksam verfolgt, kommt zu einer ernüchternden Einschätzung der zu erwartenden Nettoentlastung. Bei einer diskutierten stärkeren Einbeziehung von Zinsen sowie der Finanzierungsanteile von Mieten, Lizenzen und Leasingraten könnte es selbst bei größeren Unternehmen zu unangenehmen Überraschungen kommen. Der Mittelstand tut gut daran, sich wie bisher vor allem auf sich selbst und seine Anpassungsfähigkeit zu verlassen.

Peter Englisch ist Partner bei Ernst & Young in Essen und zuständig für das Projekt „Agenda Mittelstand“.

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