Deutschland, deine Dynastien
Underberg - das grüne Geheimnis

Ein Kräuterschnaps machte die Underbergs reich. Sie sind keine Krupps oder Porsches – aber sie stehen für jene Tugenden, die viele deutsche Unternehmersippen groß machten: Pragmatismus, Bodenständigkeit – und Heimlichtuerei.
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Sie muss sich jetzt allein auf ihre Sinne verlassen. Nichts darf Hubertine Underberg-Ruder in den folgenden Stunden von den Säcken ablenken, die sich vor ihr dicht an dicht in einem kleinen Raum drängen, in dem Aromen von Eisenkraut und Nelke die Nase kitzeln. Niemand darf wissen, was sie hier in den folgenden Stunden mit den Kräutern, die in den Säcken lagern, veranstalten wird. So haben es ihre Eltern gehalten, ihre Großeltern, die Urgroßeltern und die Ururgroßeltern auch. Wie diese in den Jahrzehnten zuvor greift Hubertine Underberg-Ruder nun nach und nach in die Kräuter, mischt sie, riecht, wiegt ab, füllt nach, verpackt.

Es ist eine unspektakuläre Arbeit für die Chefin einer weltweit arbeitenden Unternehmensgruppe, die mehrmals im Jahr in diesem Raum anfällt. Sie darf diese Arbeit nicht delegieren. Sie ist das Geschäftsgeheimnis der Familie. Seit 1846 mischen die Familien- und Unternehmensoberhäupter der Underbergs die Ausgangssubstanz für den gleichnamigen Magenbitter höchstpersönlich zusammen, und seit jeher ist das Rezept, auf dem der Familien-Wohlstand gründet, streng geheim. Nur das jeweilige Familienoberhaupt und zwei eingeweihte Mönche wissen, woraus der Magenbitter besteht.

Dass es die Schnaps-Sippe aus Rheinberg geschafft hat, ihr kleines Unternehmen über fünf Generationen zu behaupten und zu einem der wichtigen Spieler auf dem deutschen Markt für Alkoholika zu werden, liegt daran, dass die Underbergs von jeher gut darin waren, ihre Grundüberzeugungen pragmatisch an Veränderungen anzupassen: Sie nannten sich heimatverbunden und betrieben Mitte des 19. Jahrhunderts die Globalisierung ihres Geschäfts; sie gaben sich barmherzig und verstießen Familienmitglieder, die sich den strikten Regeln des Clans nicht beugten; sie betonten katholisch-konservative Werte und brachten Frauen in Führungspositionen. Die Geschichte der Underbergs erinnert ein wenig an eine friesische Spezialität aus Kaffee, Rum und Sahne, die den Namen Pharisäer bekam, weil die Sahnehaube den Alkohol vor dem Pastor verstecken sollte: Die Fassade ist tadellos, aber darunter wartet die ein oder andere Überraschung. So wuchs das Underberg-Unternehmen zu einem der größten deutschen Anbieter für Alkoholika heran.

Der Gründer beliefert schnell die Welt

Über die Generationen haben die Underbergs einen Familienkonzern geformt, der heute mit etwa 1000 Mitarbeitern mehr als 500 Millionen Euro Jahresumsatz macht. Sie sind keine Krupps, keine Porsches oder Haniels, keine Familie von Weltrang, die aus ihrem wirtschaftlichen Erfolg großen politischen oder gesellschaftlichen Einfluss gezogen hätte – aber sie stehen exemplarisch für viele Familien, die die deutsche Wirtschaft mit ihren mittelständischen Unternehmen in den vergangenen zwei Jahrhunderten prägten: pfiffige Tüftler, hemdsärmelige Macher, schlitzohrige Strategen, die bei aller Bodenständigkeit einen Riecher für die Veränderungen in der Welt hatten.

1846 braut der Kaufmannssohn Hubert Underberg den ersten Magenbitter. Während seiner Ausbildung in den Niederlanden und Belgien hat er ein Kräuterelixier kennengelernt, das die Wirte mit Genever verdünnen. Hubert Underberg schätzt diesen „Magenbitter“, stößt sich aber an der willkürlichen Zusammensetzung und der schwankenden Qualität. Er beginnt, eine Mischung aus Kräutern und Alkohol zu entwickeln getreu der Devise „Semper idem“, was so viel heißt wie stets gleich bleibende Qualität und Wirkung. Den lateinischen Ausspruch übernehmen seine Erben später in den Firmennamen – Semper Idem GmbH, die Holding der Underbergs.

Ohne Katharina Albrecht, die Underberg 1846 heiratet, hätte es das Unternehmen aber nicht gegeben, denn der Kräuter-Tüftler hat zwar die Idee für die Mixtur, die den Magen beruhigen soll, ihm fehlt aber das Geld, um Produktion und Vertrieb aufzuziehen. Das bringt seine Frau schließlich mit in die Ehe. Am Hochzeitstag gründen sie die Firma H. Underberg-Albrecht. Katharina Albrecht wird neben ihrem Mann die zweite starke Figur im Unternehmen, zumal Hubert Underberg, das weiß er, seine Pläne allein nicht verwirklichen kann.

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  • immer wieder interessant und spannend zu lesen.
    Dankeschön!

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