Die 100 besten Weingüter
Die Reifeprüfung

Das Handelsblatt und das Magazin Vinum stellen die besten deutschen Winzer vor. Weinexperte Pit Falkenstein über eine Region, die einst Heimat vieler schlechter Schoppen war und heute Weinkultur atmet: die Südpfalz.
  • 0

DüsseldorfIn diesem Jahr wurde Gerhard Schwetje, Pfarrer am Krankenhaus St. Elisabeth in Saarlouis, 75 Jahre alt. Zu seinem Geburtstag erhielt er die Ehrenbürgerwürde des Landkreises Südliche Weinstraße. Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck gratulierte persönlich.

Was mag diese Nachricht wohl mit der Liste der 100 besten deutschen Weingüter zu tun haben, die jetzt im 26. Jahr erscheint, zeitgleich im „Handelsblatt“ und im Fach-Magazin „Vinum“? Doch, da gibt es einige Verbindungen. Schwetje hat viel dazu beigetragen, dass die Südliche Weinstraße in der Pfalz, vor 40 Jahren noch Heimat vieler schlechter Schoppen, heute Weinkultur atmet. Zwei Güter von dort sind jetzt sogar in die Bestenliste aufgestiegen, Kranz in Ilbesheim und Siegrist in Leinsweiler. Nun stehen acht Betriebe aus dieser anmutigen Region an der Spitze der deutschen Winzerschaft (von insgesamt 18 Pfälzer Adressen).

Sollte Pfarrer Schwetje diese Nachricht vernehmen, dann wird er sich gewiss freuen. 1969, da war er eben 33 Jahre alt und aufstrebender Regionalpolitiker in Rheinland-Pfalz, wurde er von dem damaligen Ministerpräsidenten Helmut Kohl beauftragt, die beiden Pfälzer Landkreise Bad Bergzabern und Landau zu verschmelzen. Der neue Landrat brachte viel frischen Schwung in diese verschlafene - oder drastischer ausgedrückt: verstockte Gegend. Neue Straßen, Schulen und Kliniken entstanden. Die Aktion „Saubere Landschaft“ sorgte dafür, dass sich Besucher zwischen Wald und Reben wohlfühlten.

Ein besonders wichtiges Werkzeug für die Entwicklung der Region aber war die Einrichtung des Vereins Südliche Weinstraße, der die Winzer und auch die Gastwirte dort zu besseren Leistungen ermunterte. Die Südpfalz, die mit einer atemberaubend schönen Landschaft auftrumpfen kann, sollte neben Wanderern auch Genießer locken. Zu den regionalen Spezialitäten wie „Saumagen“, ein mit Wurstbrät und Kartoffelstücken gefüllter und im Ofen gebackener Schweinemagen oder „Fleeschknöpp“, Klöße aus Hackfleisch mit Meerrettich, gab es endlich gehaltvollen trockenen Riesling und Silvaner ohne „dienende Süße“.

13 Jahre wirkte Schwetje dort. Dann stieg er auf zum Regierungspräsidenten in seiner Trierischen Heimat. 1994, nach dem Tod seiner Frau, ließ der gläubige Mann die Politik Politik sein und wurde Geistlicher.

Als die Liste der 100 besten deutschen Weingüter 1985 zum ersten Mal erschien, damals im Verbrauchermagazin „DM“, da wurden nur zwei Betriebe von der Südlichen Weinstraße aufgenommen, Dr. Wehrheim und Ökonomierat Rebholz.

Dr. Karl Wehrheim war zu der Zeit „Borchermeeschter“ (Bürgermeister) von Birkweiler. Der umtriebige Mann brachte Leben in das altersmüde Dorf. Auf sein Betreiben wurden vergammelte Fachwerkhäuser wieder herausgeputzt. Die Schule bekam ein neues Inventar. Ein properes Hotel entstand. Zunehmend interessierten sich Touristen für das grundsätzlich hübsche Gemeinwesen.

Kommentare zu " Die 100 besten Weingüter: Die Reifeprüfung"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%