Die Kunststoff-Brücke
Die Brücke, die per Laster kommt

Eine Brücke ohne Stahlbeton und Asphalt: Hessen will mit Europas erster Kunststoff-Brücke aus Stahlträgern, Plastik-Balken und Polymerbeton langfristig Kosten sparen. An Stelle von Schrauben setzen die Brückenbauer auf Klebstoffe. Noch ist Kunststoff für den flächendeckenden Einsatz zu teuer, doch der Technologie dürfte die Zukunft gehören.

KÖLN. Weißes Geländer, weiße Untersätze, roter Bogen: Ganz normal sieht sie aus, die 27 Meter lange und fünf Meter breite Brücke über der Bundesstraße 455. Gelegentlich knattert ein Mähdrescher oder ein Kies-Laster über sie hinweg. Den Fahrern dürfte nicht bewusst sein, dass sie gerade Europas erste Straßenbrücke aus Stahl und glasfaserverstärktem Kunststoff überqueren.

Seit Juli steht das Bauwerk nahe dem hessischen Friedberg. Und es könnte zukunftsweisend sein, denn die Brücke kommt vollkommen ohne Stahlbeton und Asphalt aus. Es sei ihm darum gegangen, ein nachhaltiges und ökologisch vertretbares Material einzusetzen, das seine Funktion erfüllt und nicht zu teuer ist, erklärt Eberhard Pelke, Dezernent für Produktentwicklung und Qualitätsmanagement Bau beim Hessischen Landesamt für Straßen- und Verkehrswesen. Deshalb das Testprojekt der Hessischen Straßen- und Verkehrsverwaltung. Verläuft alles nach Pelkes Wünschen, werden bald viele kleinere Straßenbrücken so ähnlich konstruiert sein wie das Friedberger Plastik-Modell.

Die Brücke hat das Land Hessen mit 750 000 Euro zwar rund 50 Prozent mehr gekostet als die klassische Stahlbetonkonstruktion. Doch dafür ist der Unterhalt billiger: Stahlbetonbrücken hochbelasteter Bundesstraßen oder Autobahnen müssen in der Regel nach 25 bis 30 Jahren komplett saniert werden. Die Brücke von Friedberg muss zwar nicht ganz so viel aushalten, hätte mit einer Stahlbetonkonstruktion aber ebenfalls spätestens nach rund 35 Jahren nachgebessert werden müssen. Über 100 000 zusätzliche Euro hätte das den Steuerzahler gekostet.

Das Kunststoff-Stahl-Konstrukt aber, so hofft Pelke, wird 70 Jahre ohne Instandsetzung durchhalten. „Höchstens Verschleißteile wie das Geländer müssen wir austauschen.“

Der Kunststoff sei recycelbar, resistent gegen Tausalze und halte extremen Witterungseinflüssen stand. Das Einzige, was Pelke Sorgen macht: „Kunststoff verformt sich eher als Stahl.“ Deshalb, sagt er, habe man sich für ein Verbundmaterial entschieden: Der Fahrbahnbelag besteht aus Polymerbeton auf Basis von Epoxidharz entschieden. „Das ist sicherer bei den schweren Fahrzeugen, die die Brücke überqueren.“ Auf lange Sicht aber hofft der Dezernent, dass die Forschung Kunststoffe soweit verbessert, dass dieser Extra-Belag unnötig wird. Plastikbrücken würden so noch billiger.

Die Friedberger Kunststoff-Brücke ist eine Gemeinschaftsproduktion des Landesamtes mit dem Institut für Tragkonstruktionen und Konstruktives Entwerfen der Universität Stuttgart (ITKE). Die dortigen Experten ließen die Bauteile im so genannten Pultrusionsverfahren herstellen, einer Art Strangziehen. Durch diese Methode entstanden längliche Balken: Fünf Meter lang, 40 Zentimeter breit, 20 Zentimeter dick, innen hohl. In einer Montagehalle wurden sie zu einer Fläche verklebt. Der Vorteil: Die Techniker konnten die Brücke im Trockenen und bei optimalen Lichtverhältnissen bauen.

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