Digitalisierung im Mittelstand
Wie man Nerds in die Provinz lockt

Mittelständler fernab der Metropolen haben Probleme, Fachkräfte zu gewinnen – besonders Digitalexperten. Personalberater Jörg Breiski von Kienbaum erklärt, wie Homeweeks, Flexibilität und Architektur dabei helfen können.
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Herr Breiski, alle Welt redet davon, wie wichtig die Digitalisierung ist. Bei vielen Mittelständlern ist die Botschaft inzwischen auch angekommen. Ihr größtes Problem: Ihnen fehlen Mitarbeiter mit digitalem Fachwissen. Das beklagen jetzt 43 Prozent der Familienunternehmer in einer Umfrage des Instituts für Mittelstandsforschung. Ist das auch Ihre Erfahrung als Headhunter?
Der Bedarf an digitalen Experten steigt rapide. Der Arbeitsmarkt ist angespannt. Viele Mittelständler stellen fest: Im eigenen Hause finden sie solche Fachleute nur selten. Denn der digitale Wandel erfordert grundlegend andere Geschäftsmodelle und Arbeitsabläufe. Dafür brauchen Unternehmen frische Impulse von außen. Da reicht es nicht, den IT-Chef zum Chief Digital Officer zu befördern.

Viele Weltmarktführer, die Hidden Champions, sitzen ja in der Provinz. Dort befinden sich laut BDI immer noch 70 Prozent der Industriearbeitsplätze in Deutschland. Hat Deutschland hier mit seiner dezentralen Wirtschaftsstruktur einen Wettbewerbsnachteil in den digitalen Zeiten?
Dass Hidden Champions oft weitab der Metropolen sitzen, hat sicher Nachteile. Es heißt aber nicht, dass sie keine Chancen haben, digitalaffine Experten zu gewinnen.

Techies brauchen doch aber ein Umfeld aus Künstlern und anderen Kreativen um sich herum. Das jedenfalls meint US-Ökonom Richard Florida, der dafür den „Bohemian Index“ entwickelt hat. Ist die Provinz für digitale Kreative denn attraktiv und anregend genug?
In einen klassischen Mittelständler passt ein junger Techie, der Start-up-Luft zum Kreativsein braucht, wohl kaum. Ich rate Firmen, nach solchen Experten Ausschau zu halten, die keine Lust mehr haben auf ein supercooles Kreativenumfeld; solche, die in der Familienphase sind und nun lieber im Grünen wohnen als im Hinterhof-Loft. Die Leute entwachsen irgendwann der hippen Start-up-Szene, sie suchen nach mehr Stabilität. Und die können Mittelständler bieten.

Aber lassen sich Nerds ins beschauliche Sauerland oder auf die Schwäbische Alb locken?
Wichtig ist, dass es im Unternehmen einen Talentmagneten gibt. Jemand mit Charisma und Innovationsgeist, der das Gesicht der Firma nach außen ist. Die Leute entscheiden sich meist für Personen und nicht für Unternehmen, für die sie arbeiten. Das alte Sprichwort „Employees leave bosses, not companies“ gilt umgekehrt auch für die Jobsuche. Ein Talentmagnet kann Nerds erklären: Bei uns im Mittelstand gibt es auch Freiräume, hier könnt ihr vielleicht schneller als anderswo Verantwortung übernehmen. Mittelstand schließt Agilität nicht aus.

Bei vielen Mittelständlern aber gibt es immer noch Stechuhr, Anwesenheitspflicht, starre Hierarchien und langwierige Entscheidungswege – alles Dinge, die Kreative abschrecken. Müssen die Unternehmen ihre Kultur drastisch verändern?
Unbedingt. Stechuhr und starre Hierarchien verschrecken Nerds. Diese Dinge sind nicht mehr zeitgemäß. „New Work“ ist keine Modewelle, die wieder vorbeigeht. Zum modernen Arbeiten gehört nicht nur ein agiles Umfeld, auch Zuckerl wie das Abo fürs Fitnessstudio, Kitaplätze oder eine gute Kantine sind Kreativarbeitern sehr wichtig.

Worauf legen sie noch Wert?
Ganz entscheidend ist für sie die Work-Life-Balance. Das ist deutlich spürbar. Die Leute wollen ihre Arbeitszeit nach eigenen Bedürfnissen gestalten: auch vielleicht mal am Wochenende arbeiten können und dafür in der Woche früher aufhören. Solche Flexibilität und Freiheit ist gerade Digitalexperten enorm wichtig. Hier sind Unternehmen oft noch viel zu starr.

Apropos Beruf und Privatleben. Viele Mittelständler bestehen darauf, dass Manager und Fachkräfte ganz selbstverständlich samt Familie zu ihnen ziehen. Kann man das als Arbeitgeber überhaupt noch verlangen?
Eine Residenzpflicht ist nicht mehr zeitgemäß, genauso wenig wie Anwesenheitspflicht. Wir Personalberater haben diese Diskussionen mit Arbeitgebern zum Glück immer weniger. Für ein Unternehmen am Bodensee suchen wir gerade eine Führungskraft. Dem Arbeitgeber ist egal, ob seine Top-Leute im Inland oder Ausland wohnen. Einmal im Monat gibt es eine sogenannte Homeweek, da kommen alle Führungskräfte in die Zentrale, um sich intensiv auszutauschen. Ein sehr flexibles, attraktives Modell.

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