Dorfläden
Kommunen geben Tante Emma eine zweite Chance

In etlichen Dörfern sterben die Supermärkte aus - und Tante Emma ersteht von den Toten wieder auf. Engagierte Bürger verkaufen in Genossenschaften Waren des täglichen Bedarfs. Die kleinen Dorfläden in Eigenregie werden bundesweit zum Erfolgsmodell.

KÖLN. "Tante Emma wurde umgebracht", trauert der Hamburger Musiker Jan Delay in einem seiner Stücke. Das stimmt nicht ganz. Zwar hat sich die Zahl der kleinen Lebensmittel-Einzelhändler laut einer Studie des Instituts für ökologische Wirtschaftsförderung (IÖW) in den letzten 40 Jahren um fast zwei Drittel reduziert, aber es gibt sie noch: rund 50 000 in Deutschland. Und ab und zu entstehen auch wieder neue kleine Lebensmittelgeschäfte als Alternativen zu den Discountern. Besonders in ländlichen Gegenden leisten Dorfbewohner zuweilen selbst Geburtshilfe, indem sie einen Dorfladen als Genossenschaft organisieren. Nicht Nostalgie, sondern die örtliche Nahversorgung steht dabei im Vordergrund.

Auch im sächsischen Falkenau haben sich die Bewohner selbst geholfen - und die Genossenschaft "Unser Laden Falkenau eG" gegründet. "Als der letzte Laden vor dreieinhalb Jahren zugemacht hat, konnte man kein frisches Obst und Gemüse mehr im Ort kaufen", erinnert sich die Aufsichtsratsvorsitzende Cornelie Sell. Besonders für die älteren Leute sei der Weg zur nächsten Einkaufsmöglichkeit mit dem Rad oder der Bahn sehr beschwerlich gewesen. Die Kommune mit 2 000 Einwohnern habe sich immer wieder als Ort für verschiedene Großhandelsketten beworben und stets Absagen bekommen.

Einige Falkenauer Frauen nahmen Kontakt auf zum benachbarten Bad Schlema, wo vor knapp drei Jahren Sachsens erster Bürgerkonsum als Genossenschaft entstanden war. Das Vorbild überzeugte. Bei zwei Veranstaltungen in der Gemeinde zeichnete sich großes Interesse ab. "Beim ersten Mal kamen 70 Leute, danach 150", sagt Vorstandsmitglied Frieder Neumann. "Mit einem Laden im Ort kann man Zeit und Geld sparen. Da hat es bei vielen ?klick? gemacht."

Der Groschen musste fallen - auch in die Genossenschaftskasse. Ein Anteil kostete 50 Euro, "damit sich auch diejenigen beteiligen können, die nicht so viel Geld haben", meint Cornelie Sell. Rund 50 000 Euro Anschubfinanzierung für die Innenausstattung inklusive Warenangebot wurde fast vollständig über die Genossenschaftsanteile finanziert, der Rest durch einen Kredit bei der KfW Bank. Mittlerweile wird der Laden von ungefähr 400 Genossen getragen.

Am 30. Juli fiel der Startschuss, am 25. September hatte der Dorfladen seinen zehntausendsten Kunden. "Es läuft besser an, als wir je vermutet haben", sagt Sell. "Zur Eröffnung sind sogar Leute aus Chemnitz angereist. Der Andrang war überwältigend." Beim Sortiment legen die Falkenauer Wert auf Produkte aus den neuen Bundesländern.

Diverse Fördermittel stellen die Länder zur Genossenschaftsgründung bereit. So bekamen die Falkenauer Sanierungs-Unterstützung vom Entwicklungsprogramm Ländlicher Raum (ELR), weil sie den Laden in einem rund 100 Jahre alten Kinogebäude untergebracht hat.

Hochburgen für Tante-Emma-Läden in Genossenschaftsform sind Bayern und Baden-Württemberg. Ansgar Horsthemke, Gründungsberater des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbands, glaubt an die Zukunft der Dorfläden, "weil sie die Nische der Nahversorgung ausfüllen". Vorteilhaft sei die kapitalunabhängige Mitbestimmung und die klare Haftungsbegrenzung der Mitglieder auf ihren jeweiligen Anteil. Eines stellt Horsthemke auch klar: Nicht der Gedanke an den Profit dürfe im Mittelpunkt stehen. "Verabschieden muss man sich auch von der Vorstellung, dass ich fünf verschiedene Sorten Zahnpasta im Regal finde. Sondern es gibt eine, die ich im Ort kaufen kann."

Warenvielfalt und eine gewisse Rentabilität sind jedoch keineswegs ausgeschlossen. Das zeigt auch die Genossenschaft Unser Laden in Gottwollshausen, die wegen großen Zuspruchs einen weiteren Laden im Nachbarort Gailenkirchen aufgemacht hat. Zum Sortiment gehören außer Waren des täglichen Bedarfs auch viele andere Artikel. "Bisher konnten wir jährlich eine Dividende von drei Prozent auf die Anteile auszahlen", sagt Vorstandssprecher Hartmut Walter. Bei guter Planung servieren Dorfläden sogar schwarze Zahlen zum Frühstücksei.

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