Durchschnittsgehälter steigen
Die Lohnspirale dreht sich in Polen schnell

Polens Löhne steigen aktuellen Prognosen zufolge mittelfristig auf westeuropäisches Niveau. Damit gibt das Land als Investitionsstandort allmählich einen wichtigen Wettbewerbsvorteil auf. In bestimmten Berufsgruppen wird es für Unternehmen bereits jetzt immer schwieriger, Personal zu niedrigen Löhnen anzustellen.

WARSCHAU. Dazu gehören Informatiker, Ingenieure, Finanzexperten, aber auch Schweißer. Für etwas Entlastung sorgen indes die Hochschulen: Noch nie hat es so viele Absolventen gegeben. Im Schnitt werden die Löhne in Polen jährlich um 4% steigen, prognostiziert die Personalberatung HRK Partners. Demnach wachsen die Durchschnittsgehälter von derzeit 2500 Zl (ca. 660 Euro) bis 2010 auf 3500 Zl (920 Euro). So viel muss in Warschau bereits jetzt gezahlt werden. Die Lohnspirale dreht sich in der Hauptstadt seit Jahren schneller als im Landesrest. Andere Quellen überbieten sogar die Vorraussagen von HRK: Laut Bank BZ WBK klettern die Löhne um 5% pro Jahr.

Diese Einkommenszuwächse können nur zum Teil durch höhere Produktivitäten aufgefangen werden, was einen wichtigen Standortvorteil Polens gegenüber Westeuropa relativiert. Lohntreibend wirkt sich insbesondere das knappe Angebot an Arbeitskräften bestimmter Berufsgruppen aus - trotzt der hohen Erwerbslosenrate von 17%. Dabei treten die strukturellen Probleme des Arbeitsmarktes offen zu Tage: Weder befindet sich die Facharbeiterausbildung auf einem hohen Niveau (eine duale Berufsausbildung existiert nur punktuell), noch kann die Zahl erstklassig ausgebildeter Hochschulabsolventen befriedigen, die gleichzeitig über ausreichende Berufserfahrungen zur Ausübung von Führungspositionen verfügen.

Es ist daher keine Einzelerscheinung, dass sich Unternehmen Fachkräfte gegenseitig abwerben. Äußerst gefragt sind u.a. Berufsfelder des mittleren Managements, darunter Programmierer und Netzwerkadministratoren, Experten mit Spezialkenntnissen über EU-Fördergelder, Wirtschaftsprüfer und Buchhalter mit internationaler Ausrichtung sowie Techniker und Ingenieure. Deren Einkommen sind lt. Personalberartung Sedlak&Sedlak in den Jahren 2004 und 2005 durchschnittlich um 5 bis 10% p.a. gestiegen. Aber auch Führungskräfte in Branchen mit überdurchschnittlich hohen Zuwachsraten (Banken und Versicherungen, Rohstoff- und Energiewirtschaft, Telekommunikation und Informationstechnologie) erfreuen sich einer hohen Nachfrage. Deren Einkommen werden allein 2006 voraussichtlich um bis zu 100% steigen.

In den vergangenen 15 Jahren hat der massenweise Zuzug ausländischer Unternehmen zu strukturellen Engpässen auf dem Arbeitsmarkt geführt. Diese zahlen nicht nur überdurchschnittlich, sondern locken auch mit attraktiven Qualifizierungsmöglichkeiten, geregelten und modernen Arbeitsabläufen sowie einer westlichen und international ausgeprägten Unternehmenskultur. Ein weiterer Grund für das geringe Angebot leistungsfähiger und mobiler Arbeitskräfte ist die Öffnung westeuropäischer Arbeitsmärkte für polnische Arbeitnehmer nach dem EU-Beitritt des Landes. Dadurch wurde eine Welle der Arbeitsemigration in Richtung Westen ausgelöst. Ärzte, Krankenschwestern, Informatiker und Ingenieure gehörten mit zu den ersten, die sich einen Flug ohne Rückkehrticket kauften, aber auch junge Arbeitskräfte - ungeachtet ob gelernt oder ungelernt.

Einen freien Zuzug polnischer Arbeitnehmer gewähren bereits Großbritannien, Spanien, Portugal, Griechenland, Schweden, Finnland und Norwegen. Auf den Weg nach einer gut bezahlten Anstellung im Westen haben sich insgesamt mehr als 300 000 der mobilsten Arbeitskräfte gemacht. Für Polen bedeutet das einerseits eine Entlastung des heimischen Arbeitsmarktes, andererseits aber auch einen Aderlass. Zumal die Ausbildungskosten aus Steuermitteln getragen wurden. Da immer mehr EU-Staaten ihre Arbeitsmärkte für polnische Staatsbürger öffnen, dürfte sich diese Entwicklung sogar noch verstärken.

Die gewachsenen Einkommenschancen in Europa erhöhen den Auswanderungsdruck. Laut HRK liegen die Durchschnittseinkommen bei manuellen Tätigkeiten in Spanien um bis zu 75% über dem polnischen Niveau. Bei qualifizierten Tätigkeiten im mittleren Management beträgt der Unterschied sogar 80%, doch schrumpft dieser in Führungspositionen wieder auf einen Abstand von 35%. Noch größer werden die Unterschiede im Vergleich zu Deutschland: im manuellen Bereich liegen die deutschen Gehälter um 181% über den Verdienstmöglichkeiten in Polen, qualifizierte Tätigkeiten werden um 153% besser bezahlt. Führungskräfte finden am Monatsende um 93% mehr Geld auf ihren Gehaltskonten.

Die Schere zwischen den oberen und unteren Einkommensgruppen ist in Westeuropa weniger weit geöffnet wie in Polen. HRK geht davon aus, dass sich in Polen künftig eine ähnliche Tendenz wie in Westeuropa vollzieht, wonach Bezieher geringer Einkommen höhere Lohnsteigerungen erfahren als Vielverdiener. In der jüngsten Vergangenheit war es in Polen umgekehrt. Mit dem wachsenden Angebot an Hochschulabgängern auf dem Arbeitsmarkt verschlechtert sich deren Verhandlungsposition bei Neueinstellungen, so die Annahme. Auch sinkt die Zahl hoch bezahlter Manager aus dem Ausland, wodurch die Personalkosten in dieser Kategorie zusätzlich gedämpft werden.

Weitere Informationen finden Sie bei der Bundesagentur für Außenwirtschaft (bfai).

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