Eckhard Ott
„Reines Gewinnstreben macht nicht selig“

Die Genossenschaft ist beliebt, aber unbekannt. Obwohl sich die Rechtsform durch eine hohe Stabilität auszeichnet. Im Handelsblatt-Interview verrät Eckhard Ott, Vorstandschef des Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverbands, wie Unternehmer von einer Genossenschaft profitieren können.

Handelsblatt: 145 Genossenschaften wurden vergangenes Jahr im DGRV gegründet, deutlich mehr als in den Vorjahren. Dennoch wirkt die Zahl im Vergleich zu mehreren tausend neuen Kapitalgesellschaften eher bescheiden. Woran liegt das?

Ott: Ein großes Problem ist, dass die Rechtsform so wenig bekannt ist. In der Ausbildung von Anwälten und Steuerberatern spielt das Genossenschaftsrecht kaum eine Rolle. Doch das sind die Personen, die Gründer beraten und begleiten. Es besteht also eine Vermittlungslücke - übrigens auch bei den institutionalisierten Gründungsberatern, also etwa den Kammern. Wir versuchen gerade durch verschiedene Projekte, diesen Missstand zu beseitigen.

Die deutschen Genossenschaften haben über 20 Millionen Mitglieder. Wieso sind sie in den Köpfen trotzdem so wenig verankert?

Es ist auch deswegen so leise um die Genossenschaften, weil oft nur schlechte Nachrichten gut zu verkaufen sind. Und viele schlechte Nachrichten haben mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu tun. Genossenschaften sind aber eine sehr stabile Rechtsform, die Zahl der Insolvenzen liegt irgendwo im Promillebereich. Schlechte Nachrichten sind bei uns also selten.

Was macht die Genossenschaft so stabil?

Ein wichtiger Faktor hierfür ist die vom Gesetz vorgegebene Gründungsprüfung. Bevor eine Genossenschaft ins Wirtschaftsleben starten kann, wird ihr Konzept vom Prüfungsverband begutachtet. Das ist wichtig, weil die Gründer einer Genossenschaft nicht unbedingt Unternehmer sein müssen. Es können ebenso gut Bürger sein, die nicht das entsprechende wirtschaftliche Wissen mitbringen. Der Verband, der die Genossenschaft betreut, bietet so einen besonderen Schutz für die Mitglieder. Auch nach der Gründung kontrolliert er, ob ihre Geschäftsführung sauber mit dem Geld der Mitglieder arbeitet.

Wirkt denn diese strenge Gründungsprüfung nicht abschreckend?

Im Gegenteil. Wir wollen dieses Qualitätsmerkmal der Stabilität haben, und der Aufwand hierfür ist auch überschaubar. Ein Wegfall der Gründungsprüfung wäre mit der Gefahr verbunden, dass wir ein Kernmerkmal der Genossenschaft verlieren. Das wäre nicht im Sinne der Mitglieder.

Profitiert die Rechtsform in Zeiten der Wirtschaftskrise von ihrer Stabilität?

Ja. Die Gründungen sind bei uns nicht zurückgegangen, sondern gestiegen. Das liegt erstens an unserem Konzept für erfolgreiches Wirtschaften. Eine Genossenschaft ist ja nicht eine karitative oder soziale Veranstaltung, sondern sie will auch Erfolg am Markt haben. Zweitens geht es neben einer vernünftigen Gewinnerzielung auch um die Förderung der Mitglieder und um gesellschaftliche Ziele. Das kommt uns sicher jetzt zugute. Denn in der aktuellen Situation erkennen viele, dass ein reines Gewinnstreben nicht das allein Seligmachende ist.

Gibt es Fälle, in denen eine Genossenschaft nicht geeignet ist?

Sie ist für alle geeignet, die diese Grundstruktur wollen. Das demokratische Prinzip bedeutet, dass die Genossenschaft auf Konsens ausgerichtet ist. Wer sich sein eigenes Unternehmen aufbauen und sich von niemandem reinreden lassen will, der klassische Einzelunternehmer also, wird die Genossenschaft wohl nicht für sich entdecken. Mitglieder von Genossenschaften versuchen Ziele zu erreichen, die sie alleine nicht erreichen können. Das gelingt durch Zusammenschluss mit anderen.

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