Ende der Boomjahre
Türkische Werftindustrie im Trockendock

Der weltweite Wirtschaftsabschwung ist auf die Schifffahrt voll durchgeschlagen. Das bekommt die Türkei, das viergrößte Schiffbaunation der Welt, zu spüren. Die dortige Werftenindustrie fährt in unruhige Gewässer. Damit gehen Jahres des Booms abrupt zu Ende.

ISTANBUL. Die türkische Schiffbauindustrie gehört zu den am stärksten von den Auswirkungen der internationalen Finanzkrise im Herbst 2008 betroffenen Branchen. Bis Ende November wurden 73 Bestellungen für neue Schiffe storniert und 84 Aufträge verschoben. Da auch andere Werftstandorte betroffen sind, wird zudem der Wettbewerb um die verbleibenden Projekte schärfer. Für 2009 haben Branchenvertreter wenig Hoffnung auf Besserung. Die Arbeitsplätze von etwa einem Fünftel der Beschäftigten des Sektors sind bedroht.

Die steile Aufwärtsentwicklung der türkischen Werften wird durch die Wirtschaftskrise seit Herbst 2008 sehr abrupt unterbrochen. Zum Jahresbeginn lagen der Branche insgesamt 249 Bestellungen für neue Schiffe vor. Damit hatte die türkische Schiffbauindustrie innerhalb weniger Jahre den vierten Platz weltweit nach der VR China, Südkorea und Japan erklommen. Bei den Auslieferungen lag das Land 2007 noch etwas zurück auf dem neunten Rang. Umfangreiche Kapazitätserweiterungen und der Aufbau ganz neuer Produktionsstandorte sollten die Erledigung der vielen Aufträge in den kommenden Jahren ermöglichen.

Da die Nachfrage nach Frachtschiffen vom erwarteten Handelsvolumen abhängt, ihre Bauzeit aber relativ lang ist, hat die Bestellung von Schiffen ein gewisses spekulatives Element. Entsprechend stark war der Ausschlag nach unten im Herbst, nachdem für immer mehr Branchen die Produktionsaussichten und damit das potenzielle Handelsvolumen nach unten korrigiert wurden. Auf einer Konferenz im November äußerten Verbandsvertreter die Hoffnung, einen Teil des Auftragsrückgangs durch vorgezogene Erneuerungen der alternden Flotte von Fähren und Küstenschiffen der Türkei auffangen zu können.

Die türkischen Werften haben sich in den letzten Jahren vor allem auf den Bau von kleinen und mittelgroßen Frachtschiffen mit Tonnagen von 5 000 bis 20 000 dwt spezialisiert. Zwar nimmt auch die Zahl der ausgelieferten Containerschiffe zu, mit rund der Hälfte aller fertiggestellten Schiffe dominieren aber die Tanker für Chemikalien und Erdöl. Im Jahr 2007 wurde den Angaben des Verbandes der Werftindustrie (GISBIR) zufolge auch ein Gastanker ausgeliefert. Ein wichtiger Bereich für die türkischen Werftbetriebe sind auch Wartungs- und Reparaturarbeiten. Die Kapazität liegt hier mit rund 6 Mio. dwt ungefähr auf dem dreifachen Niveau der Neuproduktion. Das größte Schwimmdock in Tuzla hat eine Breite von 80 m und eine Länge von 355 m und kann Schiffe bis 300.000 dwt aufnehmen.

Insgesamt gab es in der Türkei Mitte 2008 nach Angaben des türkischen Schifffahrtsamtes 84 Werftbetriebe. Schon zum Jahresende 2009 erwartete der Geschäftsführer von GISBIR, Murat Bayrak, einen Anstieg auf 135. Nach Angaben des türkischen Schifffahrtsamtes befanden sich im Juni 2008 insgesamt 65 Werftbetriebe im Bau. Noch 2002 hatte die Zahl der Werften lediglich 37 betragen, Ende 2007 waren es 72. Durch die Neugründungen verlagert sich der Schwerpunkt der Branche etwas vom traditionellen Standort Tuzla, einem östlichen Vorort von Istanbul, in den südlichen Marmara-Raum sowie zu den Hafenstädten am Schwarzen Meer (Sakarya, Zonguldak, Samsun, Ordu, Trabzon) und der Südküste (Mersin, Adana).

Die im Bau oder in Planung befindlichen Werftbetriebe werden die Schiffbaukapazitäten der Türkei in den nächsten Jahren mehr als verdoppeln. Angesichts der Entwicklung in den zurückliegenden fünf Jahren erscheint dieses Wachstum realistisch. Die Krise legt nun nahe, ohnehin erwogene Schließungen alter Anlagen vorzuziehen, um bei einem Wiederanziehen der Konjunktur entsprechend gut aufgestellt zu sein. Ohnehin ist der Erweiterungsspielraum am traditionellen Standort Tuzla (Istanbul) ausgeschöpft. In Yalova an der gegenüber liegenden Südküste des Marmarameeres entsteht daher ein neues Zentrum für die Werftindustrie.

Seite 1:

Türkische Werftindustrie im Trockendock

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%