Energieeffizienz
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Die Bundesregierung verlangt von der Industrie mehr Einsatz beim Energiesparen. Zehn Mrd. Euro Einsparpotenzial im Jahr erkennt Berlin bei deutschen Unternehmen - so steht es im Entwurf zum Energiekonzept, das jetzt vom Kabinett beschlossen wurde. Professionelle Ratgeber helfen, Defizite im Betrieb aufzuspüren und zu beseitigen.
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Beim Heizungshersteller Viessmann läuft alles rund. Auch die Fertigungslinien, auf denen die Anlagen Stück für Stück zusammengebaut werden, sind gekrümmt. Einzelne Produktionsschritte sind U-förmig angeordnet. Das Ergebnis: Dank kürzerer Wege kommt die Produktion am Standort Allendorf mit einem Drittel weniger Platz aus. Die kleinere Halle benötigt weniger Energie für Wärme, Licht und Belüftung. Der hessische Standort soll damit Vorbild für andere Produktionsstätten der internationalen Unternehmensgruppe sein. Innerhalb von drei Jahren hat Viessmann 220 Mio. Euro investiert, unter anderem für eine dämmende Gebäudehülle, effektivere Fertigungsanlagen und eine neue Energiezentrale, mit der das Unternehmen Wärme und Strom zu 25 Prozent mit erneuerbaren Energien erzeugt.

Für die zentrale Wärmerückgewinnung hat das Unternehmen dieses Jahr den Energy Efficiency Award der Deutschen Energie-Agentur (dena) gewonnen. Mit dem neuen System nutzt Viessmann die Abwärme aus der Produktion für sein Heizsystem. Dazu sind die Prüfstände, an denen die Heizkessel und Wärmepumpen getestet werden, die Kühlanlage der IT-Zentrale sowie die Druckluftkompressoren an einen gemeinsamen Kühlwasserkreislauf angeschlossen.

Die Wassertemperatur steigt durch die Abwärme, die die Maschinen abgeben. Der Kreislauf führt zu einer elektrischen Großwärmepumpe, die dem Kühlwasser bei Bedarf Wärme für die Beheizung des gesamten Werks entzieht. 3,2 Mio. Euro hat die Anlage gekostet, knapp 600 000 Euro Heizkosten spart sie dem Unternehmen im Jahr. "Das ist ein sehr großer Effekt bei vergleichsweiser geringer Investition", sagt Rainer Dippel, der bei Viessmann die Verbandsarbeit leitet.

Die Bundesregierung würde gerne mehr solcher Beispiele für effiziente Energienutzung sehen. Zehn Mrd. Euro Einsparpotenzial im Jahr erkennt sie bei deutschen Unternehmen - so steht es im Entwurf zum Energiekonzept, das jetzt vom Kabinett beschlossen wurde. Um 2,1 Prozent jährlich soll die Energieeffizienz der deutschen Industrie demnach steigen.

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) hält die Erwartungen der Politik für mehr als ehrgeizig - den die Unternehmen sind bereits längst aktiv. In den vergangenen zwanzig Jahren lag die Effizienzsteigerung im Schnitt bereits bei 1,7 Prozent - nach Belieben steigern lässt sich das nicht. Viele Unternehmen würden bereits sehr effizient arbeiten. "Zum Teil ist es physikalisch kaum möglich, noch sparsamer zu produzieren. Schmelzpunkte von Glas oder Metallen lassen sich nicht per Verordnung verändern", sagt Eberhard von Rottenburg, Energieexperte des BDI. "Die Regierung glaubt, dass sie allein mit Bürokratie Wunder vollbringen kann. Effizienzmaßnahmen dürfen nicht unwirtschaftlich werden." Das Thema sei längst bei den Unternehmen angekommen, bestätigt Annegret Agricola, die bei der dena den Bereich Energiesysteme leitet. "Vor allem die steigenden Energiekosten bewegen viele Unternehmer zum Umdenken." Die Strompreise werden sich laut BDI bis zum Jahr 2030 mehr als verdoppeln.

Während der Finanzkrise haben viele Unternehmen Investitionen in Energieeffizienz zwar zurückgestellt - das belegt eine Prognos-Umfrage unter rund 650 mittelständischen Unternehmen, die die KfW Bankengruppe in Auftrag gegeben hat. Knapp zwei Drittel der Befragten, die Ende 2009 entsprechende Maßnahmen planten, haben diese zurückgestellt oder eingedampft. Inzwischen steigen die Investitionen aber wieder: Die KfW fördert Effizienzmaßnahmen in kleinere und mittelgroße Unternehmen mit zinsgünstigen Krediten. 2009 flossen insgesamt 400 Mio. Euro, in der ersten Hälfte dieses Jahres bereits bei 300 Mio. Euro.

Vorreiter sind Unternehmen aus energieintensiven Branchen. Sie haben sich schon um Effizienz bemüht, als Strom noch günstig war. Denn Hersteller von Aluminium oder Stahl geben bis zu 40 Prozent ihrer Produktionskosten für Energie aus. Auch Papier, Glas oder Bier entsteht nur mit viel Wärme.

Die Brauerei Bosch aus Bad Laasphe in Nordrhein-Westfalen erzeugt ihr Bier seit 2008 mit einer völlig neuen Methode - und mit bis zu 80 Prozent weniger Energie. "Wir sind auf eine intakte Umwelt angewiesen, auf sauberes Wasser sowie Gerste und Hopfen in hoher Qualität", sagt Geschäftsführer Hans-Christian Bosch. "Wenn wir weniger Energie verbrauchen, tun wir der Umwelt etwas Gutes und sparen viel Geld."

Der 32-jährige Diplom-Braumeister leitet das Unternehmen in elfter Generation. Den Anstoß zur neuen Produktionsmethode, der Rektifikationswürzekochung, bekam er von einem ehemaligen Kommilitonen, mit dem er an der Technischen Universität (TU) München Brauwesen studiert hatte. In riesigen Kesseln wird der kochenden Bierwürze beim Brauen Hopfen zugefügt. Unerwünschte Aromastoffe - aber eben auch viel Wärme - entweichen dabei mit dem Dampf über einen Schlot. Um diese Hitze nicht ungenutzt zu lassen, hat Bosch drei Siebböden in den Schlot eingesetzt. Der Braumeister leitet einen Teil der Würze aus dem Kessel nach oben in den Schlot, wo sie der aufsteigende Dampf auf den Siebböden zum Kochen bringt.

Die unerwünschten Aromen verdampfen nun viel schneller, die Würzekochung dauert nur noch halb so lange. "Wir arbeiten daran, die Zeit noch weiter zu verkürzen", sagt Bosch. Er nutzte das Verfahren als Erster in einem industriellen Maßstab. In seiner Brauerei sind inzwischen regelmäßig auch große Hersteller zu Gast, um sich das System anzuschauen.

Die Kostenersparnis von 21 000 Euro im Jahr ist für einen Mittelständler mit 30 Mitarbeitern ansehnlich. Die Investition von 55 000 Euro, die die KfW mit einem Darlehen unterstützt hat, rechnet sich damit schnell. "Für uns war das sehr wichtig," sagt Bosch. "Investitionen, die sich erst in vielen Jahren amortisieren, wollen wir uns derzeit nicht leisten."

Wie Bosch geht es vielen Mittelständlern, die vor Ausgaben für Energieeffizienz zurückschrecken. Die Prognos-Umfrage hat ergeben, dass fehlendes Geld und lange Amortisationszeiten die Haupthindernisse sind. Zwar bieten Bund und Länder zahlreiche Fördermöglichkeiten, doch das Angebot ist schwer zu überblicken. Um die passende Förderung zu finden, sind die Unternehmen auf gute Beratung angewiesen. Das Angebot dafür boomt - Energieversorger, Verbände und Banken bieten ihre Hilfe an. Doch nicht jeder Berater kennt sich mit den speziellen Prozessen in einem Betrieb aus. Gerade an Fachleuten für die Industrie mangelt es, mahnt Agricola.

"Viele Unternehmen wissen zwar theoretisch, welche Bedeutung Energieeffizienz hat", sagt die dena-Expertin. "Doch sie unterschätzen die Einsparmöglichkeiten im eigenen Betrieb gewaltig." Gerade bei Querschnittstechnologien wie Beleuchtung, Druckluft oder Pumpen, die jeder Betrieb nutzt, könnten Firmen bis zu 70 Prozent Strom sparen. Um Orientierung im Beraterdschungel zu geben, führen KfW und dena Listen mit qualifizierten Fachleuten. Wer sich an die ausgewiesenen Berater der KfW hält, kann eine Förderung für die Initiativberatung und die anschließende Detailberatung beantragen.

Seit Mitte 2009 helfen bundesweit auch 45 Industrie- und Handelskammern mit einem besonderen Angebot weiter: Sie beschäftigen Energiecoaches oder -lotsen, die kostenlos in die Betriebe kommen. Die ersetzen zwar nicht die professionelle Beratung, zeigen den Firmen aber lohnende Effizienzmaßnahmen und die einzelnen Förderprogramme.

Ausschlaggebend für den ersten Schritt sei oft, dass in einem Unternehmen ohnehin Investitionen anstehen, sagt Sabine Zinzgraf, Leiterin der Partnerschaft für Klimaschutz, Energieeffizienz und Innovation zwischen Bundesregierung und Deutschem Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Zwischen Sommer 2009 und September 2010 besuchten die Coaches 1 254 Betriebe. Bis Ende 2011 sollen es laut DIHK insgesamt 5 000 sein. "Es besteht grundsätzlich Interesse am Thema", sagt Zinzgraf. "Oft fehlt den Unternehmern Zeit und Personal, um sich selbst um die Recherche zu kümmern."

Stefan vom Schemm ist Energiecoach bei der Südwestfälischen IHK in Hagen. Zwei Drittel der Unternehmen, die er besucht, können mit dem Thema Energieeffizienz noch nicht viel anfangen. Auf den größten Widerstand stößt er dort, wo alte Hallen oder Anlagen allein aus Effizienzgründen umgerüstet werden sollten. "Das lohnt sich doch nicht", sei die häufigste Reaktion. Viele Unternehmer probieren sich erstmal an kleineren Schritten und erneuern etwa die Beleuchtung. "Die hat zwar meistens nicht den höchsten Verbrauch, die vergleichsweise geringen Ausgaben sind aber schnell wieder drin", sagt vom Schemm.

Er würde es freilich lieber sehen, wenn Unternehmer ihre Betriebe als Ganzes betrachteten: Ein neues Heizsystem lohne sich nicht, wenn das Gebäude keine anständige Dämmung hat. Denn wenn die Halle nachträglich gedämmt wird, kann die Heizung bereits auf einen viel zu hohen Bedarf ausgerichtet sein. Doch die Gebäudehülle zu sanieren, ist vergleichsweise teuer und amortisiert sich oft erst nach vielen Jahren. Deswegen schieben viele diese Investition auf. "Hier schlummert tatsächlich noch viel Potenzial", sagt von Rottenburg vom BDI.

Entschlossen geht Festo vor. Für den Anbieter von Automatisierungstechnik gehört Energieeffizienz zum Geschäftsmodell. Das sparsame Gebäudemanagement war nur der Anfang einer ganzen Reihe von Maßnahmen. Festo stellt beispielsweise Komponenten für die Pneumatik her. Dazu gehört alles, was sich in der Produktion mit Hilfe von Luftdruck bewegt.

Wenn Schläuche, durch die Druckluft zu den Antrieben gelangt, kleine Löcher haben, entweicht teure Luft. "Ein ein Millimeter großes Loch kostet mehrere hundert Euro im Jahr. Noch schlimmer, wenn es größere Leckage-Löcher sind, denn die Kosten steigen exponentiell", sagt Festo-Sprecher Paul Kho. "Und in einer Produktionskette können Hunderte solcher Löcher sein."

Festo kontrolliert bei Kunden nicht nur Antriebe, Ventile und Schläuche. Das Unternehmen zeigt ihnen auch, wie sie die gesamte Produktion energieeffizienter gestalten können. Anlagen werden etwa so ausgerichtet, dass Schläuche und Leitungen möglichst kurz sind. Wichtig ist zudem, dass Unternehmen ihre Antrieben in der richtigen Größe einkaufen - und nicht vorsichtshalber eine Nummer größer und mit höherem Verbrauch.

Festo möchte seine Kunden zum Umdenken bewegen. "Wir müssen als Zulieferer eine Vorreiterrolle einnehmen", sagt Kho. Seit 2004 versorgen eine Photovoltaikanlage und ein Blockheizkraftwerk den Standort St. Ingbert mit erneuerbarer Energie. Und die Kompressoren erzeugen immer nur so viel Druckluft, wie eben nötig. Das Gebäudemanagement war nur ein erster Schritt. Heute konzentriert sich Festo darauf, die eigene Produktionstechnik wirtschaftlich zu gestalten und Produkte für mehr Energieeffizienz anzubieten. "Viele betrachten das Thema viel zu kurzfristig. Wir wollen den Kunden vorleben, wie man eszu Ende denkt", sagt Kho.

Umwelt- und Klimaschutz als Antrieb für Innovationen - das gilt vor allem für Unternehmen wie Festo und Viessmann. Denn bei ihren Produkten ist Energieeffizienz ein wichtiges Verkaufsargument. Schon heute sorgen effizientere Maschinen und Anlagen dafür, dass die Industrie im Vergleich zu vor zehn Jahren Energiekosten von jährlich 6,7 Mrd. Euro einspart - das entspricht dem Strombedarf von 48 Mio. Haushalten. In zehn Jahren soll die Ersparnis nach Angaben der Unternehmensberatung Roland Berger auf 12,5 Mrd. Euro jährlich steigen - Basis sind die Energiekosten von 2005. "Klimaschutz hat sich zum Konjunkturmotor entwickelt", sagt Joachim Frielingsdorf, Sprecher der Energie-Agentur NRW. "Clevere Unternehmen produzieren grün."

Die Wirtschaft habe sich schon immer Gedanken über Energieeffizienz gemacht, sagt Thomas Hamacher, der an der TU München Energiewirtschaft lehrt. "Es hat schon immer Wechselwirkungen zwischen Industrie und Forschung gegeben." Die energieintensiven Branchen, die etwa Stahl, Aluminium, Glas, Beton oder Plastik produzieren, haben sich schon immer intensiv um Energieeffizienz bemüht. Jetzt müsse sich die Wissenschaft "vor allem mit Materialkreisläufen beschäftigen, um spürbare Verbesserungen zu erreichen", sagt er. Es reiche nicht mehr aus, ein sparsames Gebäude zu bauen. Der Bauherr sollte auch berücksichtigen, wie viel Energie die Herstellung der einzelnen Materialien für sein Haus verschlungen hat.

Ebenso wichtig wie sparsame Anlagen in der Industrie ist das Energiemanagement. Die dena empfiehlt Firmen, Energiebeauftragte einzusetzen, die in einzelnen Produktionsbereichen nach Einsparmöglichkeiten suchen. Ab 2013 sollen nur noch diejenigen Unternehmen Vergünstigungen bei der Energie- und Stromsteuer bekommen, die ein zertifiziertes Energiemanagement haben. Die entsprechende europäische Norm (DIN EN 16001) dafür gibt es bereits. Ziel ist es, den Verbrauch ständig im Blick zu haben und Sparpotenziale zu entdecken. Im Idealfall arbeiten Ingenieure, Energiemanager, Controller und die Geschäftsführung zusammen. "Wir wünschen uns, dass Effizienzfragen auf der Entscheiderebene ankommen", sagt dena-Expertin Agricola. Bisher kümmerten sich vor allem Techniker darum. "Und die sprechen oft eine andere Sprache als die Betriebswirte."

Thomas Schneider kennt dieses Problem nicht. Er ist gleichzeitig Energiemanager und Inhaber der Firma Saigon TanTec. Schneider hat eine Mio. Euro investiert, um seine neue Gerberei in Vietnam umweltfreundlich zu gestalten. "Als Eigentümer kann ich tun, was mir am Herzen liegt. Ich trage ja selbst das Risiko für meine Experimente", sagt er. Seine Energiekosten hat Schneider halbiert. Er erhitzt das Wasser zum Gerben mit Solarsystemen und einem Heißwasserkessel, den er mit Biomasse befeuert. Wasser und Chemikalien, die das Leder gerben und färben, verwendet er mehrfach wieder. Dreckwasser klärt er mit Hilfe von Pflanzen selbst.

Die Gerberei ist seine achte Anlage in Asien. Schneider freut sich, dass selbst Politiker aus der Region seine Innovationen besichtigen. Das Engagement habe ihm bereits eine Ausnahmegenehmigung für den Bau einer neuen Fabrik in China eingebracht, berichtet er - dort errichtete Schneider seine erste Öko-Gerberei. "Das beweist, dass die Chinesen unser Engagement schätzen", sagt er. An das Wasserreservoir der Firma in Vietnam hat er einen Swimmingpool für die Mitarbeiter angeschlossen. Gute Kräfte zu halten, ist dort schwer - doch für Schneider besonders wichtig: "Es gehört auch zur Effizienz, dass alle Mitarbeiter an einem Strang ziehen. Hier lässt keiner den Wasserhahn tropfen."

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