Erben planen Ausstieg nach 250 Jahren
Berentzen steht zum Verkauf

Nach 250 Jahren planen die Berentzen-Erben offenbar den Ausstieg aus dem verlustreichen Schnapsgeschäft. Wie das Unternehmen am Donnerstagabend mitteilte, prüfe man derzeit „alle Optionen“, unter anderem auch eine Fusion mit einem strategischen Partner und einen Verkauf sämtlicher Stammaktien des Unternehmens durch die Gesellschafter. Doch ein Käufer will erst gefunden werden.

Ursprünglich bis 2009 hatten die Großaktionäre ihrem Vorstandschef Axel Dahm, 45, Zeit gegeben, den langersehnten Turn-around einzuleiten. Jetzt aber reißt den Eigentümern der Schnapsbrennerei Berentzen der Geduldsfaden früher. Wie das Handelsblatt aus mehreren unternehmensnahen Quellen erfuhr, sucht das 250 Jahre alte Traditionsunternehmen aus dem emsländischen Haselünne aktiv nach einem Käufer. Die Verkaufsabsicht sollte offiziell eigentlich erst in der kommenden Woche bekanntgegeben werden. Doch am Donnerstagabend teilte Berentzen mit, dass die Eigentümer neben einem Verkauf auch eine Fusion mit einem strategischen Partner prüften.

Mit der Verkaufsabwicklung beauftragt wurde das Hamburger Bankhaus M.M. Warburg, das sich vor einer Woche den Verkaufsprospekt von den Großaktionären absegnen ließ. Auch der prominente Nachfolgeexperte Brun-Hagen Hennerkes, der bei Berentzen im Aufsichtsrat sitzt, soll bei der Käufersuche helfen.

Die seit 1994 börsennotierte Brennerei wird dominiert durch die Familien Berentzen, Pabst, Richarz und Wolff. Sie halten sämtliche Stammaktien des Konzerns. Die stimmrechtslosen Vorzugsaktien, die 50 Prozent zum Kapital beisteuern, sind breit gestreut.

Mit dem geplanten Verkauf ziehen die Mehrheitseigner einen Schlussstrich unter eine anhaltende Unternehmenskrise. Noch Mitte der 70er-Jahre schaffte das 1758 von Johann Bernhard Tobias Berentzen gegründete Unternehmen einen Verkaufshit nach dem anderen. Der bekannte Apfelkorn und später der „Puschkin“-Wodka brachten der Firma sprunghaften Umsatzzuwachs.

Doch wie beim Wettbewerber Eckes-Chantré („Eckes Edelkirsch“, „Mariacron“) verstaubten auch bei Berentzen die Spirituosenmarken, unter ihnen Doornkaat, Strothmann und Bommerlunder. Während Eckes seine Spirituosensparte Anfang 2007 zu einem ungenannten Preis an die Rotkäppchen-Mumm-Sektkellerei abgab, rutschte Berentzen immer tiefer in die roten Zahlen. Vorstandschef Jan B. Berentzen mühte sich vergeblich, mit exotischen Fruchtmischungen den Niedergang zu stoppen. Mitte 2006 setzte ihn der Aufsichtsrat vor die Tür.

Auch Nachfolger Dahm riss das Steuer nicht herum. In seinem ersten Jahr an der Spitze des sechstgrößten deutschen Spirituosenherstellers fuhr er bei 186 Mill. Euro Umsatz 11,4 Mill. Euro Verlust ein. Wie sein Vorgänger löste Dahm ein drängendes Problem nicht: Die Abhängigkeit des Spirituosenherstellers von der Produktion billiger Eigenmarken hat im Laufe der Jahre immer mehr zugenommen. 2007 setzte Berentzen rund 67,7 Mill. Flaschen „No-Names“ ab, die der Hersteller im Auftrag von Discountern abfüllt – ein Viertel mehr als noch ein Jahr zuvor. Im Gegensatz dazu sank der Absatz der margenstarken Markenspirituosen wie etwa Berentzen-Apfelkorn um fünf Prozent auf 36,5 Mill. Flaschen.

Die plötzliche Eile beim Verkauf begründen Firmeninsider unter anderem mit der Aktionärsstruktur. Die Hälfte der insgesamt 9,6 Mill. Wertpapiere des Unternehmens sind als Vorzugsaktien üblicherweise nicht stimmberechtigt. Das aber könnte sich schon im nächsten Jahr ändern, denn für das Geschäftsjahr 2007 hat ihnen der Konzern die Dividende gestrichen. Falls sie im kommenden Jahr nicht nachgezahlt wird, erhalten sie automatisch laut Aktiengesetz ein reguläres Stimmrecht. Ein Verkauf von Berentzen wäre dann auf einer Hauptversammlung weitaus schwieriger durchzusetzen.

Fraglich ist nur, wer sich für das Unternehmen, das ein Sanierungsfall ist, interessieren könnte. Internationale Spirituosenhersteller machen um deutsche Marken einen großen Bogen, berichten Branchenkenner wie Mark Bollinger von der Düsseldorfer WGZ Bank.

Hinzu kommt, dass einheimische Schnapshersteller – bis auf Jägermeister – inzwischen genügend Probleme mit sich selbst haben, weil das heimische Geschäft mit dem Hochprozentigen immer mehr an Schwung verliert. Der Pro-Kopf-Verbrauch kommt seit Jahren nicht über die Sechs-Liter-Marke hinaus.

Verkäuferkreise rechnen daher damit, dass bei Berentzen ein Finanzinvestor zum Zuge kommt. Als Interessent wird Hendersen Global Investors (HGI) genannt, mit dem M.M. Warburg bereits in anderen Projekten geschäftlich verbunden ist. Fraglich aber ist, ob HGI den gewünschten Kaufpreis bezahlen wird, der mit einem „Mehrfachen des Börsenwerts“ von derzeit hochgerechnet 26 Mill. Euro beziffert wird.

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