Ex-Vorstände der Hess AG angeklagt
Dunkle Geschäfte im Schwarzwald

Tatort Mittelstand: Die Ex-Vorstände des Leuchtenherstellers Hess sollen jahrelang Bilanzen gefälscht haben. Nun sind sie angeklagt. Beim Börsengang 2012 verloren Anleger viel Geld.

MannheimMit einem Lächeln im Gesicht stand Christoph Hess auf dem Parkett und läutete die goldene Glocke. Vorstandskollege Peter Ziegler strahlte ihn an und klatschte. Es war der 25. Oktober 2012. Der Leuchtenhersteller Hess aus Villingen-Schwenningen startete an der Frankfurter Börse. Der erste Kurs lag bei 15,60 Euro – und damit zehn Cents über dem Ausgabewert. Farbige LED-Bälle tauchten den Handelssaal in Rot und Blau. Die Manager feierten den Höhepunkt ihrer Karriere.

Drei Jahre später ist von der Euphorie nichts mehr übrig. Nach Informationen des Handelsblatts hat die Staatsanwaltschaft Mannheim Hess und Ziegler angeklagt. In der 101 Seiten starken Anklageschrift wirft sie den damaligen Vorständen vor, über mehrere Jahre die Bilanzen des Unternehmens gefälscht zu haben. Hinzu kämen Bankrott, Untreue, schwerer Betrug, Kreditbetrug, Subventionsbetrug und Verstoß gegen das Wertpapierhandelsgesetz. Bei einer Verurteilung drohen mehrjährige Haftstrafen. 

Staatsanwalt bestätigt Handelsblatt-Bericht

Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft bestätigte am Donnerstag den Handelsblatt-Bericht. Wie inzwischen bekannt ist, sind auch der frühere Seniorchef Jürgen Hess sowie zwei ehemalige Mitarbeiter und zwei Geschäftsführer konzernfremder Gesellschaften angeklagt. Ihnen wird Beihilfe zur Bilanzmanipulation vorgeworfen.

Die Angeklagten haben nun sechs Monate Zeit, sich zu den Vorwürfen zu äußern. „Wir sind an der Aufklärung interessiert und werden zu gegebener Zeit Stellung nehmen“, sagten die Verteidiger von Christoph und Jürgen Hess dem Handelsblatt. Peter Zieglers Anwalt sprach von einem schwierigen Verfahren. Im Kern gehe es um die Frage, ob Entwicklungskosten in der Bilanz aktiviert werden dürften oder nicht. Er sei nicht sicher, ob es überhaupt zum Prozess komme. Die Ex-Manager selbst hatten bisher stets bestritten, Zahlen manipuliert zu haben.

141 Millionen Euro stehen im Feuer

Die Aktien der Hess AG werden längst nicht mehr gehandelt. Drei Monate nach der Erstnotiz wurden die mutmaßlichen Tricksereien bekannt. Kurz darauf war der Leuchtenhersteller pleite. Rund 200 der einst knapp 400 Mitarbeiter verloren ihren Job. Tausende Anleger verloren ihren Einsatz. 36 Millionen Euro hatte die Gesellschaft beim Börsengang eingesammelt. Den Geschäftsbetrieb hat inzwischen der niederländische Lichtkonzern Nordeon übernommen. Die alte AG hinterließ einen Haufen Schulden. Bei Insolvenzverwalter Volker Grub meldeten Gläubiger mehr als 105 Millionen Euro Forderungen an. Damit stehen insgesamt mindestens 141 Millionen Euro im Feuer.

Offene Rechnungen haben etwa große Geldhäuser wie die Deutsche Bank, Commerzbank, Hypovereinsbank und DZ Bank aber auch regionale Institute wie die Volksbank Villingen und die Ostsächsische Sparkasse. Die Dresdner zählten zu den größten Geldgebern der Hess AG und deren Tochterfirma im nahen Löbau. Christoph Hess war damals in Sachsen hoch angesehen. Der Freistaat ernannte ihn zum Honorarkonsul von Ungarn. Ministerpräsident Stanislaw Tillich kam mehrfach zu Besuch, nahm den Chef des Leuchtenherstellers sogar mit auf eine Reise nach Katar.

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