Externe Helfer machen sich schnell bezahlt
Ein Pool voller Paten

Aufsichts- und Beiräte entwickeln sich für Mittelständler zu wertvollen Sparringspartnern. Die Initiative "Mittelstand Plus" hilft, die besten Köpfe zu finden.
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Musste Isabella wirklich sterben? Sie war sportlich, mondän, von vielen begehrt - aber nicht für jedermann zu haben. Liebhaber bekommen noch heute feuchte Augen, wenn sie an Isabella TS de Luxe denken. Oder einen aus ihrer Familie auf der Straße sehen. Den Lloyd Arabella etwa. Oder den Goliath. Doch die Geschichte der Autoklassiker und die ihres genialen Konstrukteurs Carl Borgward endete Anfang der Sechzigerjahre.

Weggefegt durch Liquiditätsengpässe bei der Einführung neuer Modelle. Hintergangen von zweifelhaften Vertrauten. Dabei war das Vorzeigeunternehmen der Nachkriegszeit mit einem Nettovermögen von 100 Millionen Mark eigentlich kerngesund. Weil aber Ratgeber aus den eigenen Reihen nicht die Interessen des Unternehmens, sondern die seiner Konkurrenten verfolgten, nutzten sie Borgwards Kalamität, um den damals übersättigten Automobilmarkt zu bereinigen. Und so war das Schicksal von Isabella besiegelt.

Die Pleite wäre vermutlich ausgeblieben, hätte Borgward damals in seinem Aufsichtsrat Finanzexperten gehabt, die ihn richtig beraten hätten. Wie wertvoll es sein kann, sich externe Ratgeber ins Haus zu holen, entdecken heute immer mehr mittelständische Unternehmen, indem sie Beiräte und Aufsichtsräte installieren, die ihnen bei strategischen Fragen zur Seite stehen.

Rund 43 Prozent der managementgeführten Mittelständler konsultieren heute Bei- und Aufsichtsräte bei unternehmenswichtigen Entscheidungen, wie eine repräsentative Studie des Instituts für Mittelstandsforschung Bonn im Jahr 2001 ergab. Selbst bei den eher als beratungsresistent geltenden deutschen Familienunternehmen entwickeln sich externe Fachleute in den Kontrollgremien zum festen Bestandteil der Unternehmenskultur. So fand die Intes Akademie für Familienunternehmen bei einer Umfrage heraus, dass etwa drei Viertel aller Beiräte in Familienunternehmen mittlerweile ausschließlich oder überwiegend mit externen Experten besetzt sind.

Wie schnell sich Beiräte, die im Schnitt zwischen 10 000 und 15 000 Euro im Jahr verdienen, bezahlt machen können, erlebte der Hückeswagener Maschinenbauer Diether Klingelnberg vor anderthalb Jahren. Damals empfahl ihm sein Beirat Hans Störr, Exfinanzvorstand bei dem Tabakkonzern Philip Morris, seine Dollar-Geschäfte abzusichern. Ein Tipp, der dem Verzahnungstechnikspezialisten mit rund 1 000 Beschäftigten "einige Millionen Euro rettete". Denn kurz darauf sackte der Greenback tatsächlich ab.

Allerdings: Nicht jeder Unternehmer vermag es wie Klingelnberg, aus seinem Bekanntenkreis einen kompetenten Beraterzirkel zu rekrutieren. Die auf Vermittlung von Experten eingerichteten Industrie- und Handelskammern fühlen sich schon von einer wachsenden Nachfragewelle überrollt: "Wir können den Bedarf nach Beiräten nicht mehr decken", räumt Axel Nitschke vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) ein.

Deshalb hat die  Wirtschaftswoche gemeinsam mit der Unternehmensberatung McKinsey, dem DIHK und der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) die Initiative Mittelstand Plus ins Leben gerufen. Das Ziel der Pro-bono-Initiative: eine Kontaktbörse speziell für Mittelständler aufzubauen, in der sie fähige Manager und Unternehmer für einen Aufsichts- oder Beirat finden können. Dieser Brainpool startet mit rund 430 registrierten Experten aus allen Branchen.

Für die Expertise der potenziellen Beiräte verbürgt sich das Mittelstand-Plus-Auswahlgremium, das die Bewerber einer strengen Auslese unterzieht (siehe "Kluge Köpfe für den Mittelstand"). So verfügen knapp 70 Prozent der rund 240 in den Profi-Pool bereits aufgenommenen Fachleute selbst über unternehmerische Erfahrung - sei es, dass sie selbst ein Unternehmen gegründet, als Manager einen Geschäftsbereich aufgebaut, dessen Internationalisierung vorangetrieben oder einen Turnaround gestemmt haben.

Aus der Expertendatenbank können mittelständische Firmen unter  www.mittelstand-plus.de unverbindlich und ohne a Vermittlungsprovision mögliche Bei- und Aufsichtsräte auswählen. "Wer über Mittelstand Plus einen Beirat sucht, anstatt einen Headhunter zu beauftragen, begibt sich nicht in die Bittstellerposition", erklärt Wolf-Dietrich Loose, ehemals Personalvorstand der Metro AG, der sein Know-how als Beirat im Pool anbietet. Wer sich aus freien Stücken als Experte anbiete, sei hochmotiviert. "Die Strukturen in mittelständischen Unternehmen sind doch viel flexibler als in den Konzernen", sagt Loose. "Mir macht es Spaß, meine Erfahrungen und Kontakte weiterzugeben und vor allem mitzuerleben, dass gemeinsam erarbeitete Strategien auch schnell umgesetzt werden."

Auf Unternehmerseite haben sich allein in der jetzt abgeschlossenen Testphase bereits 36 Firmen bei Mittelstand Plus registrieren lassen. So zum Beispiel die Bielefelder Firma Hymmen, die Pressen und Beschichtungsanlagen produziert. Juniorchef René Pankoke hat kürzlich in der vierten Generation die Geschicke des 110-jährigen Familienunternehmens übernommen. Um im internationalen Wettbewerb mit seinem 200-Mann-Betrieb zu bestehen, wünscht sich der 33-jährige Unternehmer einen "Mini-Think-Tank" mit Führungsmanagern aus dem Maschinenbau, die ihre Erfahrungen in Sachen Produktinnovationen, Übernahmen und Outsourcing beisteuern.

"Die Mitglieder eines Aufsichts- oder Beirats können unabhängiger und uneigennütziger, objektiver und freier ihre Meinung sagen als angestellte Mitarbeiter oder Berater, die womöglich schon auf den nächsten Auftrag hoffen", weiß Mittelstand Plus-Mitinitiator und DIHK-Präsident Ludwig Georg Braun aus eigener Erfahrung. Er selbst setzt bereits seit den Siebzigerjahren in seiner B. Braun Melsungen AG auf den externen Rat "anerkannter Persönlichkeiten", zu denen heute Waschmaschinenkönig Rudolf Miele, Schering-Vorstandschef Hubertus Erlen und der Gießener Medizinprofessor Gunter Hempelmann zählen. "Mit diesem unternehmerischen Sachverstand ist B. Braun international groß geworden", so der Firmenchef. Sein auf Medizintechnik spezialisiertes Unternehmen beschäftigt heute 29 000 Mitarbeiter, liefert in rund 50 Länder und beherrscht den Weltmarkt von Einweg-Braunülen bis zu intensivmedizinischen Spritzenpumpen.

Als Bei- und Aufsichtsräte besonders gefragt sind - neben erfahrenen Strategen - heute vor allem Finanzexperten. Das restriktive Verhalten der Banken bei der Kreditvergabe zwingt die Mittelständler, sich nach alternativen Finanzierungsquellen umzusehen. Seit sich zwischen Hausbanken und Unternehmen "ein grundlegender Wandel und ein Aufbrechen der teilweise über Jahrzehnte gewachsenen Beziehungen vollzieht", sagt KfW-Chef Hans Reich, "werden gerade in diesen Fragen externe Erfahrungen und Hilfestellungen für den Mittelstand immer wichtiger." Schon die schiere Existenz eines Beirats signalisiert Offenheit und lässt das Unternehmen häufig kreditwürdiger erscheinen, hat McKinsey-Mittelstandsexperte Rolf Breidenbach beobachtet: "Ein frühzeitiges Sparring mit den Beiräten hilft zudem, das ,Grillen? durch die Banker besser zu überstehen."

Selbst bei dem schwierigen Thema Unternehmensnachfolge kann ein Beirat hilfreich sein. Der Inhaber des nordrhein-westfälischen Möbeldiscounters Poco, Peter Pohlmann, suchte vor kurzem für seinen Beirat drei aufstrebende Manager "unter 40 Jahre, nicht aus der gleichen Branche, keinen Berater, keinen Banker, keinen Lieferanten". Das jetzt installierte Trio soll den 60-jährigen Poco-Chef zunächst nur beraten. Spätestens in fünf Jahren aber will sich Pohlmann aus dem Discountergeschäft verabschieden. Dann sollen seine drei Beiräte das Sagen bekommen, die strategischen Unternehmensentscheidungen treffen, das Führungspersonal auswählen und das Jahresbudget festlegen.

Beirat in einem mittelständischen Unternehmen zu sein kann sich also durchaus auch für die eigene Vita auszahlen. "Das Gros der potenziellen Beiräte, die sich bei Mittelstand Plus registrieren lassen, ist zwischen 35 und 45 Jahre alt", so Breidenbach. "Die gestandenen Manager wollen nicht nur Wissen weitergeben, sondern sich auch selbst durch den Aufbau eines Netzwerks weiterentwickeln."

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