Fachpersonal fehlt
Baltische Staaten: Engagement mit Hindernissen

Das anhaltende Wirtschaftswachstum lockt immer mehr ausländische Unternehmer in die baltischen Staaten. Doch neben vielen Chancen gibt es an der Ostsee auch Herausforderungen. Deutsche Firmen klagen vor allem über fehlende Fachkräfte.

RIGA. Ob Landtechnik, Großhandel, Bürobau oder Rechtsberatung: Deutsche Unternehmen haben die drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen bereits als lohnende Standorte für sich entdeckt. Schon seit einigen Jahren glänzen die drei kleinen Länder an der Ostsee mit realen Wachstumsraten von jährlich bis zu elf Prozent. Und obwohl der Wirtschaftsboom mit einem stark steigenden Preisniveau einhergeht, scheinen die Rahmenbedingungen für deutsche Unternehmen zu stimmen. Eine aktuelle Umfrage der Deutsch-Baltischen Handelskammer (DBHK), die in den drei Ländern agiert, ergab: 70 Prozent aller befragten Unternehmen mit deutschem Hintergrund beabsichtigen, ihre Aktivitäten in der Region fortzusetzen und gegebenenfalls auszuweiten.

Auch Christoph Hamkens aus Husum in Schleswig-Holstein kann sich gut vorstellen, mit seinem im Osten Estlands angesiedelten Servicebetrieb für Landtechnik weiter zu expandieren. Wann und wie stark er allerdings den bisherigen „runden sechsstelligen Betrag“ für seine Firma Paunvere PT weiter aufstocken wird, will der Mittvierziger – trotz der aktuell guten Nachfrage nach seinen Ausrüstungen – von der Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt abhängig machen. Denn bei einer Arbeitslosenquote von nur rund fünf Prozent sind qualifizierte Kräfte in Estland Mangelware.

Auch in Lettland und Litauen suchen die Unternehmen in nahezu allen Sektoren händeringend nach Fachkräften. Hauptursachen sind zum einen der anhaltende Wirtschaftsboom in den drei Ostseestaaten, zum anderen auch die hohen Auswanderungszahlen. Tausende Esten, Letten und Litauer haben in den vergangenen Jahren ihre Heimat verlassen, um beispielsweise in Irland deutlich mehr zu verdienen. Das fehlende Fachpersonal bereitet deshalb den meisten an der DBHK-Umfrage beteiligten Geschäftsleuten aktuell die stärksten Kopfschmerzen.

Um diesem Missstand entgegenzuwirken, wünschen sich die deutschen Akteure neben einer Reform der Berufsbildung auch mehr Flexibilität beim Anwerben von Arbeitskräften aus Drittländern. Die bürokratischen Genehmigungsverfahren und die derzeitige Rechtsbasis charakterisiert der deutsche Rechtsanwalt Theis Klauberg allerdings als kaum geeignet, die aufgetretenen Engpässe zu beseitigen.

Der berufliche Aufstieg des 37-jährigen Hamburgers, der seit 2000 im Baltikum ansässig ist, verlief bisher in etwa im Gleichschritt mit der wirtschaftlichen Entwicklung der Region: Nach einer Station als Associate in Tallinn rief er 2003 gemeinsam mit einem lettischen Kompagnon eine Zweimannkanzlei in Riga ins Leben. Inzwischen sind für die Kanzlei 14 Juristen in Tallinn, Riga und Wilna tätig. Nicht nur Klienten aus dem deutschsprachigen Raum wissen die Kompetenz des Teams um Klauberg zu schätzen. In letzter Zeit verbucht die Kanzlei auch regen Zulauf von einheimischen Firmen.

Doch der anschwellende Mandantenstrom wirft auch für Klauberg die Frage nach zusätzlichem Personal auf. Während er der Akquise von lokalen Kräften für zwei weitere Niederlassungen – angedacht sind Minsk und Sankt Petersburg – recht zuversichtlich entgegensieht, könnte die personelle Expansion der baltischen Kanzleien schon bald ins Stocken geraten. Anwalt Klauberg sieht sich in allen drei Ländern mit der gleichen Problematik wie Landtechniker Hamkens aus Husum konfrontiert: einem abgegrasten Stellenmarkt. „Neueinsteiger mit Kenntnissen im internationalen Wirtschaftsrecht sind heutzutage zu vertretbaren Konditionen kaum noch zu finden“, stellt Klauberg fest.

Während im zweiten Quartal 2007 die offiziell gemeldeten Lohn- und Gehaltssteigerungen in Litauen bei 20 Prozent, in Estland bei 21 Prozent und in Lettland sogar bei 33 Prozent lagen, schätzt Klauberg die Zuwächse bei den Juristen im gleichen Zeitraum noch deutlich höher. Exemplarisch verweist er dabei auf Lettland: Noch vor drei Jahren sei es dort möglich gewesen, Nachwuchsanwälte für rund 700 Euro netto zu finden, aktuell gehe hingegen bei Neueinstellungen kaum etwas unter 2100 Euro.

Positiver fällt sein Urteil zu den baltischen Rechtssystemen aus. Klauberg ist überzeugt, dass heutzutage die meisten Probleme für lokale wie ausländische Akteure nicht von der Justiz herrühren. Vielmehr stehen oft die „zu großen Ermessensspielräume“, mit denen die öffentlichen Verwaltungen agieren, den Unternehmen im Weg.

Davon kann auch Jan Brink ein Lied singen. Den 42-jährigen Vorstand des Bauträgers Bauplan Nord lockte der Bauboom einst ins Baltikum. „Ein Mehrfaches an Zeit im Vergleich zu Deutschland“ habe ihn der Gang durch alle Instanzen gekostet, um die benötigten Genehmigungen für sein Vorhaben zu erhalten. Trotz alledem blieb er gelassen und sah Ende September 2007 die Grundsteinlegung seines Büroprojektes Upmalas biroji in Riga. Die Wirtschaftszeitung Dienas bizness widmete dem frischgebackenen Bauherrn ein ausführliches Porträt. Statt wie es in der Vergangenheit gang und gäbe war, lokale oder allenfalls litauische oder estnische Baufirmen mit einer solchen Aufgabe zu betrauen, ging der Zuschlag für den 17.000 Quadratmeter großen Zweckbau an die deutsche MBN Bau AG.

„Das Angebot von MBN“, begründet Jan Brink die Entscheidung, „ist einfach mit Abstand das beste gewesen – preislich wie fachlich.“ Dass die unter Kostengesichtspunkten lange Zeit als unschlagbar geltenden lokalen Unternehmen das Nachsehen hatten, überraschte den gelernten Bauingenieur nicht. Die starke Zunahme neuer Immobilienprojekte bei gleichzeitig relativ beschränkten Baukapazitäten habe nicht nur die Kosten deutlich nach oben gepusht, sondern auch vergleichsweise satte Margen zur Gewohnheit werden lassen, so Brink.

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