Familienkonzerne
Der offene Systemkonflikt

Kurzfristig orientierter Kapitalmarkt oder langfristige Firmenstrategie: 2008 schien das Jahr der Familienkonzerne zu werden. Dann kam die Finanzkrise. Der gewaltige Auftrags-Einbruch hat viele Unternehmen auf dem falschen Fuß erwischt.

DÜSSELDORF. Drastische Worte eines Bedächtigen: "Ich habe zwölf Abschwünge erlebt, doch das, was derzeit geschieht, habe ich noch nicht erlebt", hat Berthold Leibinger vor wenigen Tagen erzählt. Leibinger, Aufsichtsratschef des Werkzeugmaschinenspezialisten Trumpf im schwäbischen Ditzingen, ist ja nun eine Ikone der deutschen Unternehmerschaft. Und gerade sein Unternehmen galt noch im September als mehr oder weniger krisenresistent. Daran hat Leibinger selbst auch geglaubt. Dann kam der schwarze Oktober, der Zusammenbruch der Auftragseingänge, seither haben die Leibingers dazulernen müssen - wie so viele andere Familienunternehmer auch. Nicht nur die Gewinnprognosen hat Trumpf zurückgenommen, für die erfolgsgewohnten Schwaben wird 2009 ein ganz schwieriges Jahr.

Denn die Wucht der Krise kennt keine Grenzen. Dabei schien das Jahr 2008 das große Jahr des Familienkapitalismus zu werden. Der schnelle angelsächsische Finanzkapitalismus geriet im Wettbewerb mit dem trägeren, aber an Nachhaltigkeit orientierten Familienkapitalismus in die Defensive.

Einige Wegmarken: Am 3. März gibt der Porsche-Aufsichtsrat den Weg frei, um die Beteiligung an Volkswagen auf über 50 Prozent aufzustocken. Schnell macht der Begriff von der "freundlichen Heuschrecke" die Runde, sich modernster Finanzierungsmethoden bedienend, greift der schwäbische Familienkonzern nach dem Weltunternehmen aus Wolfsburg.

Sechs Wochen später, am 28. April 2008, geht die Meldung durch die Welt, die Investment-Legende Warren Buffett bereite auf seinem Feldzug für nachhaltiges Investment einen Einstieg in deutsche Familienunternehmen vor und werde bald nach Deutschland kommen, um sich passende Partner auszusuchen. Am 12. Juli erreicht über den Umweg London die Nachricht Deutschland, dass der fränkische Familienkonzern Schaeffler die Übernahme des Hannoveraner Zulieferers Conti beabsichtige, was zwei Tage später offiziell bestätigt wird. Schaeffler hat wie Porsche auf modernste Finanzinstrumente gebaut und scheint fast schon am Ziel.

Doch die Zeiten haben sich seither erneut dramatisch geändert. Die Familien-Unternehmen gerieten mehr und mehr in den Strudel der Finanzkrise. Die Conti-Übernahme wackelt, und die Autoindustrie stöhnt, Porsche hat mit seinen Geschäften eine in der Geschichte deutscher Börsen beispiellose Spekulationswelle auf VW-Aktien losgetreten und zahllose Investoren, darunter den Milliardär und hochgerühmten Familienunternehmer Adolf Merckle, fast in den Ruin getrieben. Der gewaltige Einbruch der Aufträge im September und Oktober hat viele Familienunternehmen komplett auf dem falschen Fuß erwischt, jetzt müssen sie mehr oder weniger unerwartet von Vollgas in den Energiesparmodus umschalten.

Die Frage, ob sich der moderne Familienkapitalismus gegen den Finanzkapitalismus durchsetzten wird, ist also entgegen vielen Erwartungen doch noch nicht zu beantworten, schreibt der Bonner Ökonom Peter May im gerade erschienenen Jahrbuch Familienunternehmen. Dennoch steht außer Frage, dass das angelsächsische Modell weit mehr Federn hat lassen müssen als das im Kern kontinentaleuropäische Muster.

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