Familienunternehmen
Bis zum letzten Augenblick

Um eine Pleite und die mit ihr verbundene Schmach zu vermeiden, gehen Familienunternehmer bis ans Äußerste. Um ja nicht Insolvenz anmelden zu müssen, geben sie ihr letztes Hemd her für ihr Unternehmen – und bringen sich so in Bredouille. In Krisenfällen handeln Familienunternehmer meist zu spät. Wer rechtzeitig reagiert, bleibt Herr der Lage.

DÜSSELDORF. Sie kämpfen wie die Löwen. Und verlieren am Ende doch: Denn Familienunternehmer, deren Firma in einen Liquiditätsengpass gerät, zögern den Gang zum Insolvenzverwalter meist bis zum letzten Augenblick heraus.

„Gerade bei Familienunternehmen ist die Hemmschwelle, sich im Rahmen eines Insolvenzverfahrens von der Schuldenlast zu befreien, wegen der persönlichen Verbundenheit meist viel höher als bei anderen“, vergleicht Thomas Hoffmann, Insolvenzberater und Restrukturierungsexperte in der Kanzlei Nörr Stiefenhofer. Er empfiehlt gerade denen die sogenannte Insolvenz in Eigenverwaltung – im Gegensatz zur normalen Insolvenz, bei der die Firma meist nur abgewickelt wird. Und zwar als strategische Option. Der Vorteil: Der Firmenlenker bleibt Herr des Verfahrens und bekommt keinen Fremden vor die Nase gesetzt, der sich nicht um die Belange der Familie schert und hauptsächlich den Gläubigerschutz im Auge hat. Das Gericht ordnet ihm dann nur einen Sachwalter zur Überwachung zu, aber „den muss man ertragen, ganz ohne geht es nicht“, so Hoffmann. Den entsprechenden Antrag kann man aber nicht im letzten Augenblick stellen, sondern muss das schon in dem Moment, in dem die Zahlungsunfähigkeit droht. Vorerxerziert haben diese Insolvenz in Eigenverwaltung die Drogeriemarktkette Ihr Platz und der Textilfilialist SinnLeffers. Hoffmann schätzt, dass aber höchstens zehn Prozent der Firmen dies als strategische Option nutzen und nur abwarten – und hoffen.

Genau dadurch verschlimmern sie alles: „Je länger sie warten, umso geringer werden ihre Handlungsmöglichkeiten und umso weniger Chancen haben sie, die Firma zu retten“, sagt Tom Rüsen, Wissenschaftler am Institut für Familienunternehmen der Universität Witten/Herdecke.

So wie im Fall der Papierfabrik Scheufelen in Lenningen. Mit seinen 620 Mitarbeitern war das Traditionsunternehmen der größte Arbeitgeber am Ort, immer ging die Geschäftsführung vom Vater auf den Sohn über. Bis das Familienunternehmen im vergangenen Juli Insolvenz anmelden musste und der 32-jährige Sohn Alex Scheufelen, die fünfte Generation, vor den Scherben stand. Der eiserne Sparkurs mit 300 Entlassungen in den Jahren davor konnte die Pleite nicht verhindern. Obwohl die Scheufelen-Produkte innovativ waren und die Auftragsbücher voll, waren die Kosten auch wegen der gestiegenen Energie- und Rohstoffpreise einfach zu hoch geworden.

Hätte man früher gehandelt, hätte man keinen Investor suchen müssen, urteilen Beobachter. Das Unternehmen überlebte, doch die Familie ist jetzt nur noch im Aufsichtsrat des finnischen Investors Powerflute vertreten – und nicht mehr Gesellschafter.

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