Familienunternehmen
Die Angst vor der Entführung

Familienunternehmer fürchten nichts mehr als die Pleite ihrer Firma - sollte man meinen. Doch neben dem finanziellen Ruin ist es häufig die Angst vor Entführungen, die Familienunternehmern unruhige Nächte bereitet. Mit welchen Tricks Kidnapper arbeiten und wie sich Familienunternehmer gegen Entführungen schützen können.

DÜSSELDORF. Harry Rowohlt wagt sich in keine Fernseh-Talkshow, gestand der Übersetzer und Spross der berühmten Verlegerfamilie vor wenigen Tagen beim Kölner Literaturfestival Lit. Cologne. So groß ist seine Angst vor einer Entführung. Einzige Ausnahme: Wenn er als Penner verkleidet auftritt in der TV-Serie "Lindenstraße". Denn Rowohlt hat beobachtet: Erst nachdem Jan Philipp Reemtsma mehrmals im Fernsehen auftrat, sei der Hamburger prompt entführt worden. Reemtsma wurde wochenlang angekettet und geschlagen. Die erpresste Summe betrug damals immerhin 33 Millionen Mark.

Rowohlt spricht die Sorge aus, die Entführungsgefährdete sonst eher unter der Decke halten. Um nicht noch mehr Leute auf dumme Ideen zu bringen. Christian Schaaf, Geschäftsführer der Sicherheitsberatung Corporate Trust in München, die spezialisiert ist auf Schutz vor Entführungen, berichtet: "Die Angst vor Entführungen ist eine der größten Nöte, die Familienunternehmer plagt." Sei es aus Sorge um sich selbst oder um Kinder oder Enkel. Aus dieser Befürchtung heraus postiert SAP-Gründer Dietmar Hopp nachts eigens einen Wachmann vor seinem Haus, bekannte er jüngst.

Ist der Familienname auch noch derselbe wie der Firmenname, ist die Angst noch größer. Beispiel: Fiona Swarowski. Die Ehefrau des österreichischen Finanzministers Karl-Heinz Grasser geriet vor gut zwei Jahren ins Visier von osteuropäischen Banden. Doch die Erbin des Unternehmens für Kristallglas und optische High-Tech-Geräte hatte Glück. Die Polizei konnte die Entführung in letzter Minute verhindern, die Täter waren verpfiffen worden.

Der Fall Swarowski lief ist typisch für heutige Entführungsfälle. Die Täter haben nicht nur eine Person im Visier, sondern oft eine ganze Liste, erzählt Schaaf, der jahrelang als verdeckter Ermittler für das LKA gearbeitet hat. Im Falle Swarowski hatten die Täter - laut Presse eine rumänische Bande - den Modedesigner Werner Baldessarini bereits ausgespäht. Bei beiden sollen schon die Grundstücke fotografiert, Skizzen von Alarmanlagen angefertigt und die Taten bis ins Detail geplant worden sein.

Sicherheitsexperte Schaaf berichtet: "Das Risiko, entführt zu werden, ist heute auch nicht deshalb geringer, weil man weniger darüber liest." Es ist so hoch wie immer. Doch in die Öffentlichkeit dringen die Fälle immer seltener, weil Polizei und Presse heute dichthalten.

Die Namen möglicher Opfer finden die Kidnapper nicht nur im Fernsehen und in der Presse, sondern interessante Details vor allem im Internet. Dort sind ja nicht nur Informationen jederzeit und noch lange Jahre abrufbar. Online-Portale, Meldeauskünfte und Telefonverzeichnisse geben zudem Aufschluss über alles Mögliche, von Wohnadresse bis Hobby. Krisen-PR-Beraterin Sigrid Baum aus Issum berichtet von einer "Fabrikantenfamilie, deren Mitglieder alle mit einer falschen Postadresse arbeiten, um eben nicht ohne weiteres auffindbar zu sein".

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