Familienunternehmen
Wenn nur noch der Streit regiert

Familienunternehmen stehen für Verlässlichkeit und Weitsicht – solange kein Streit ausbricht. Dann gerät der Erfolg der Firma oft in den Hintergrund. Im Kölsch-Krieg der Gaffel-Brüder musste nun ein Gericht eingreifen.
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Köln/DüsseldorfNirgendwo wird so leidenschaftlich gehasst wie in der Familie. Nicht nur während der Weihnachtstage kann die trügerische Idylle schnell in offenen Streit umschlagen. Schlecht, wenn darunter ein ganzes Unternehmen leidet.

Welche Ausmaße eine persönliche Fehde annehmen kann, demonstriert seit einigen Jahren die Kölner Brauerei-Dynastie Becker. Der Kleinkrieg der Brüder Heinrich und Johannes um die Vorherrschaft bei der Kölsch-Brauerei Gaffel beschäftigt seit mehreren Jahren die Gerichte. Seit 2006 sind zwei Dutzend Verfahren aktenkundig. Die Vorwürfe reichen von unkorrekten Spesenabrechnungen bis zu Bilanzfälschung und Betrug. 

Vor dem Oberlandesgericht Köln ist nun eine weitere Schlacht der Brüder zu Ende gegangen, aus der beide als Verlierer hervorgehen. Im Raum 301, in dem normalerweise der Schifffahrtssenat tagt, entschied der 18. Zivilsenat des OLG Köln, dass beide Brüder ihre operative Macht im Unternehmen verlieren. Ihre Anteile dürfen sie behalten. Doch künftig soll der 37-jährige Heinrich Philipp, der zuletzt eine Doppelspitze mit seinem Vater Heinrich gebildet hatte, die Brauerei-Dynastie allein führen. Er hält nach einer Schenkung des Vater 15 Prozent an der Brauerei, sein Vater kontrolliert 47 Prozent, sein Onkel 38 Prozent an der Gesellschaft. Bei der Urteilsverkündung, bei der beide Brüder sich durch ihre Anwälte vertreten ließen, erklärte der Vorsitzende Richter Burkhard Gehle: „Wir erhoffen uns damit, dass die Lage sich beruhigt.“

Danach sieht es nicht aus. Zuletzt hatte sich Johannes im Vorfeld öffentlich über die neue Führungsrolle von Heinrichs Sohn beschwert. „Ich hafte als Gesellschafter mit meinem gesamten Vermögen, obwohl ich nichts mehr zu sagen habe“, sagte er vor der Urteilsverkündung der Wirtschaftswoche. Darum hatte er zuletzt sogar die Auflösung der Gesellschaft beantragt. Das Gericht lehnte diesen Antrag ab, der letztlich den Verkauf an Privatinvestoren bedeutet hätte.

Die Härte mit der die Auseinandersetzung geführt wird, ist für Arist von Schlippe nicht überraschend. „Ich habe nie so tiefe Zerwürfnisse erlebt wie in Unternehmerfamilien“, sagt der Professor des Instituts für Familienunternehmen der Uni Witten-Herdecke. Einen Konflikt zwischen den Verwandten nennt er den „zu erwartenden Normalfall“.

Insbesondere die Frage der Gerechtigkeit sei für alle Familienunternehmen sehr präsent. Ursächlich für Konflikte sind für den Professor vor allem die unterschiedlichen Erwartungen, die in Familie und Unternehmen bestehen. Während in einer Familie die Gleichbehandlung das Ideal sei, müsse sich ein Unternehmer stets die Frage stellen, wer besonders qualifiziert für eine Aufgabe sei. „Handele ich allein nach der Logik der Familie, schade ich eventuell dem Unternehmen und umgekehrt“, sagt von Schlippe. Trotzdem gelinge dieser Spagat in vielen Familienunternehmen außergewöhnlich gut. „Die eigentlich interessante Frage ist: Warum schaffen es so vielen Familienunternehmen, keine dramatischen Streitigkeiten zu entwickeln?“

Die Herausforderungen für die Unternehmen sei es, entscheidungsfähige Verhältnisse zu schaffen, ohne einem Familienmitglied das Gefühl zu geben, übervorteilt zu werden. In Köln ging das lange gut. 35 Jahre lang hielten beide Brüder gleiche Anteile. Erst als Heinrich im Jahr 2006 weitere Anteile von einem Neffen übernahm und den Bruder ein Jahr später aus der Geschäftsführung drängte, kippte die Stimmung.

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