Familienunternehmer Wortmann im Gespräch
Wie Tamaris der Schuhbranche Beine macht

Mit Damenschuhen wurde Horst Wortmann zum Absatz-Milliardär. Nun will er Tamaris zur Lifestyle-Marke machen und auch Taschen, Uhren und Schmuck verkaufen. Ein geringes Risiko – im Vergleich zu seiner ersten Kollektion.
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DetmoldGlitzernde Pumps stehen neben dicken Winterstiefeln akkurat in Reih und Glied. Verkäuferinnen räumen die letzten Schuhe in die Regale. Akribisch inspiziert Horst Wortmann den ersten Outlet-Laden von Tamaris, direkt neben der Detmolder Firmenzentrale. Auch mit 73 Jahren überlässt Europas König der Damenschuhe nichts dem Zufall. „Warum eröffnen wir erst in einer Woche, wo doch fast alles fertig ist?“, fragt Wortmann den Projektmanager freundlich, aber bestimmt. „Wir verschenken kostbare Zeit!“ Schließlich basiert der Geschäftserfolg des drahtigen Ostwestfalen auf seinem Credo: „Augen auf oder Geldbeutel auf!“

In noch nicht einmal 50 Jahren hat Horst Wortmann seine kleine Detmolder Schuhfirma zum internationalen Milliarden-Unternehmen aufgebaut: mit modischen Damenschuhen für jede Generation zu einem guten Preis-Leistungsverhältnis, wie er es formuliert.

„Horst Wortmann ist ein Macher, einer der Gespür für Trends hat“, konstatiert Manfred Junkert, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Schuh- und Lederwarenindustrie (HDSL). Die Firmengruppe machte zuletzt 1,013 Milliarden Euro Jahresumsatz in 70 Ländern. Neben den Marken Tamaris, Caprice, Jana, Marco Tozzi und der Lizenzmarke s.Oliver Shoes produziert Wortmann auch inkognito – für alle großen Schuhhändler Europas.

53 Millionen Paar Schuhe verkauft die Firma im Jahr. Doch Schuhe allein reichen dem umtriebigen Unternehmer nicht mehr: Mit seinem Neffen und designierten Nachfolger, dem Marketingexperten Jens Beining, will er Tamaris zur Lifestyle-Marke aufbauen. Eines jedoch bereitet Wortmann Kummer: „Der russische Markt ist zurzeit unser großes Sorgenkind.“

Dabei fußt der Erfolg von Tamaris auf Wortmanns Faible für eine Russin. Eine gewisse Tamara hatte es dem jungen Gründer 1966 angetan. Eva Pflug spielte damals die resolute Russin in der TV-Kultserie „ Raumpatrouille Orion“. Deshalb nannte Wortmann, der den väterlichen Herrenschuhvertrieb nicht übernehmen wollte, seine Damenschuhe „Tamara“.

Doch prompt handelte er sich eine einstweilige Verfügung einer französischen Firma ein, die die Namensrechte besaß. „Ein Glücksfall“, meint Wortmann rückblickend. Denn so ließ er den Namen abwandeln in „Tamaris“ – eine Marke, deren Schriftzug seither kaum verändert wurde und die heute mehr als 75 Prozent der Deutschen kennen.

Mit einem vierseitigen Katalog fing der 26-Jährige klein, aber ambitioniert an. Von einem Designer ließ er sieben Sandaletten entwerfen – in gewagten Schockfarben wie beatgelb oder estorilblau. 100.000 Paar ließ Wortmann in Italien fertigen – ohne einen einzigen Auftrag in der Tasche. Er setzte alles auf eine Karte: 300.000 DM und einen ebenso hohen Blankokredit von der Sparkasse Detmold. „Noch 20 Jahre später bin ich nachts schweißgebadet aufgewacht und habe geträumt, dass die Schuhe nicht laufen“, erzählt Wortmann. „Das war ein enormes Risiko, was mir zum Glück erst im Nachhinein aufging.“

Schon bald wollte er die lohnintensive Schuhproduktion nach Asien verlegen. In Japan suchte er 1969 nach Fabrikanten. Beim Abendessen klagte einer ihm sein Leid: Die Amerikaner würden ins günstigere Taiwan abwandern. Wortmann flog sofort auf die Nachbarinsel und ließ dort eine Kollektion entwickeln. „Von dem Vorsprung, den wir uns damals in der Asienproduktion erarbeitet haben, profitieren wir noch heute“, betont er. „Horst Wortmann hat die deutsche Schuhbranche durch die Optimierung von Produktion und Beschaffung nachhaltig verändert“, bestätigt Schuhunternehmer Ralph Rieker von Ricosta.

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Taschen, Uhren und Schmuck mit Tamaris-Logo

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