Flick-Historie
Ein Lehrstück über skrupellosen Kapitalismus

Außerordentlich ist die Geschichte des Unternehmens, die sich mit diesem Familiennamen verbindet: Flick - einst das größte Industrieunternehmen ist heute Geschichte. Ein exzellentes Buch beschreibt Aufstieg, Skandal und Auflösung des Imperiums.
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DÜSSELDORF. Die erste Generation erstellt's, die zweite erhält's, in der dritten zerfällt's". Im Kreise von Familienunternehmern wird der Spruch noch immer gern benutzt. Die Erfahrung hat ihn gewissermaßen geadelt, denn tatsächlich dauert es oft genug nur zwei Generationen, bis das Werk einer Gründerpersönlichkeit verfällt.

Umso außerordentlicher ist die Geschichte des Unternehmens, die sich mit dem Familiennamen Flick verbindet. Lassen wir alle Emotionen beiseite, die der Name bis heute freisetzt, vergessen wir die zwischen Verachtung und Anerkennung schwankende Berichterstattung aus vier Jahrzehnten: Bei Lichte besehen, ist das Schicksal dieses Unternehmens außerordentlich, weil es derart eng mit einer einzigen Persönlichkeit verbunden ist. Der Flick-Konzern ist wahrscheinlich kaum je etwas anderes als Friedrich Flick selbst gewesen. Wenige Jahre nach seinem Tod zerfällt das einstmals größte deutsche Industrieimperium in seine Einzelteile, heute ist der Name nur noch Geschichte.

Wenn dieser Unternehmer etwas beispielhaft verkörpert, dann die Verstrickung in das Elend und die Verbrechen im "deutschen", dem 20. Jahrhundert. Unternehmerisch unglaublich erfolgreich, moralisch für viele bankrott. "Flick" heißt die Gemeinschaftsarbeit von vier Historikern unter der Regie des Jenaer Zeitgeschichtlers Norbert Frei. Das Buch gibt vor, die Geschichte einer Industriellendynastie zu schreiben, dokumentiert aber die Geschichte des skrupellosen Aufsteigers Friedrich Flick.

Schon wieder Flick? Das Buch ist das letzte einer bemerkenswerten Trias, die ihren Ursprung in ein und demselben Geschehen Ende der 90er Jahre hat: den Auseinandersetzungen darüber, ob sich die Erben Flicks an der Stiftung zur Entschädigung der Zwangsarbeiter beteiligen sollen. Auch diese Geschichte ist verwickelt, sie soll daher an dieser Stelle nicht in ihren Einzelteilen berichtet werden. Es geht um Schuld und Scham, um Verstrickung und Vermögen, um Kunst und Kultur und darum, wie man als Erbe mit dem Namen Flick umgehen sollte. In der Auseinandersetzung mit dem derart besonderen Erbteil und dem daraus resultierenden schlechten Gewissen also hat die jüngste Flick-Renaissance ihren Ursprung. Allerdings hat sie keine historisch verbrämten Rechtfertigungsversuche hervorgebracht, wie sie im zuletzt boomenden Aufarbeitungsgeschäft auch zu lesen gewesen sind. Unternehmensgeschichte hat aus vielfältigen Gründen Konjunktur, die Flick-Renaissance aber ist das Ergebnis einer intensiven wissenschaftlichen Arbeit, die drei beispielhafte Bücher hervorgebracht hat.

2007 erschien die Konzerngeschichte vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik von Kim Christian Priemel - ein Standardwerk. Akribisch hat Priemel in seiner Dissertation den Aufstieg des Flick-Imperiums bis in die junge Bundesrepublik nachgezeichnet und dabei die Leitmotive angeschlagen, die die Debatte über Flick bis in diese Tage bestimmen. Eine Konstante ist dabei die extreme Politiknähe, die Kernbestand des Flick?schen Systems war. So wie Flick im ersten großen Politikskandal, der Gelsenberg-Affäre 1932, den Staat zum Handlanger seiner wirtschaftlichen Interessen machen konnte, so band das Unternehmen auch in den 70er-Jahren die wichtigen deutschen Parteien erneut per Spendenzahlungen an seine spezifischen Interessen - zum Schaden des Gemeinwesens.

Der zweite große Aufschlag ist der vom Institut für Zeitgeschichte in München herausgegebene Band "Der Flick-Konzern im Dritten Reich". Hier zeigt sich deutlicher als bei Priemel das Bemühen, die vorwiegend dunklen Seiten des Wirkens von Friedrich Flick in Augenschein zu nehmen. Dabei bedienen sich die Autoren eines Modells, das durch den Hitler-Biografen Ian Kershaw Berühmtheit erlangt hat: "dem Führer entgegenzuarbeiten". "Er (Flick) nahm die politischen Erwartungen vorweg, baute sie in sein Kalkül ein und arbeitete der Politik dann entgegen. Flick sah sich nicht als ein Unternehmer, der mit dem NS-Staat pragmatische Arrangements einging, um Aufträge zu erhalten. Er wollte teilhaben und auf der Seite der Begünstigten stehen, wenn das Regime Belohnungen für loyale Dienste vergab."

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