Flugzeugindustrie
Frischzellenkur an der Elbe

Wo der erste DDR-Düsenjet entwickelt wurde, entstehen heute Frachtflieger für den Weltmarkt: Die Elbe Flugzeugwerke haben eine lukrative Nische entdeckt: Sie verschaffen ausrangierten Passagierflugzeugen ein neues Leben und bauen sie zu Transportflugzeugen um.

DRESDEN. Sie haben ihn zersägt, zerschnitten und ausgeweidet. In zwei Schichten sind sie dem Rumpf zu Leibe gerückt, erst mit Dampfstrahlern, dann mit Schneidbrennern und Winkelschleifern. Sie haben Böden, Sitze und Bordküchen herausgerissen und ein riesiges Loch in den Rumpf geschnitten. Wochenlang ruhte der Patient in einem stählernen Bett von Stelzen und Stangen, nun ist er endlich frei. Dort, wo einst die First Class saß, klafft heute ein riesiges Frachtmaul im Rumpf. „Jetzt beginnt sein zweites Leben“, sagt Projektmanager Michael Muth stolz.

Anfang November kam der altersschwache Passagier-Airbus zu Muth. Zwanzig Jahre ist der Jet für Turkish Airlines geflogen, die nächsten zwanzig Jahre wird er als Frachtflugzeug unterwegs sein.

Genau 72 Tage brauchen Muth und seine Leute, Mitarbeiter der Elbe Flugzeugwerke in Dresden, um aus einem abgehalfterten Passagierjet einen fast neuen Großraumfrachtflieger zu machen. Jetzt kontrolliert Muth die Maschine auf ihrer letzten Station. Ein Hilfsaggregat pfeift unter dem mächtigen Rumpf, langsam erwachen die Systeme wieder zum Leben. Geht alles glatt, ist die Maschine mit der Seriennummer 478 in einer Woche wieder in der Luft.

„Freighter Conversion“ heißt das Geschäftsmodell der Elbe Flugzeugwerke. Das ehemalige Flugzeug-Kombinat der DDR hat eine lukrative Nische gefunden. Nach der Wende fast abgewickelt, ist die EADS-Tochter heute die Frachtfliegerschmiede für den Flugzeughersteller Airbus. Und wo vor 50 Jahren das erste DDR-Düsenflugzeug entwickelt wurde, entstehen jetzt moderne Großraumfrachtjets für den Weltmarkt.

Das Geschäft hat Konjunktur: Denn Frachtkapazitäten sind ein knappes Gut geworden. Alle zehn bis fünfzehn Jahre verdoppelt sich derzeit das globale Luftfrachtaufkommen. So wie mehr Laptops, Blumen und Frischfisch über die Meere geflogen werden, so wächst der Bedarf an Flugzeugen, die statt Passagiere ausschließlich Container an Bord nehmen. Nur gibt es nicht genug Maschinen. Airbus und Boeing können den Markt mit neuen Flugzeugen gar nicht versorgen, mindestens fünf Jahre muss ein Neukunde heute auf einen neuen Frachtflieger warten. Und deshalb müssen die alten Airbusse noch einmal ran.

„Die Nachfrage ist immens“, sagt Andreas Sperl, Chef der Elbe Flugzeugwerke. Der ehemalige Airbus-Finanzchef führt das Unternehmen seit einem Jahr. Die Exotenrolle in der Branche macht ihm Spaß. Seit Jahren stocken die Dresdener Flugzeugbauer Personal und Produktion auf, mittlerweile ist die EADS-Tochter nach den Chipwerken der drittgrößte Arbeitgeber der Region. Aber mehr als 20 Maschinen pro Jahr lässt die Fertigungslinie noch nicht zu. Und wie im ehemaligen Ostblock kämpfen die Elbe Flugzeugwerke heute mit einem altbekannten Problem: Materialmangel.

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