Gebäudesicherheit
Pfusch am Bau geht weiter

Ein Jahr nach dem Unglück von Bad Reichenhall steigen die durch Pfusch am Bau verursachten Schäden nach Beobachtung von Fachleuten weiter. Jährlich belaufen sie sich laut Bundesvereinigung der Prüfingenieure (BVPI) mittlerweile auf einen zweistelligen Milliardenbetrg – mit Wachstumsraten im zweistelligen Prozentbereich pro Jahr. Der BVPI weist der Politik eine gehörige Mitverantwortung für die Entwicklung zu.

BERLIN. Das Thema Gebäudesicherheit war vor knapp einem Jahr in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt, nachdem am 2. Januar 2006 in Bad Reichenhall das Dach einer Eissporthalle unter der Last großer Schneemassen eingestürzt war. Das Unglück forderte 15 Todesopfer. Untersuchungen ergaben, dass der Einsturz im Wesentlichen auf Baumängel zurückzuführen war.

Die Behörden verzichteten mehr und mehr auf wichtige Kontrollen, kritisiert die BVPI. „Der Staat zieht sich Stück für Stück zurück. Er beschränkt sich darauf, Hinweise zu geben. Kontrollen vor Ort werden dagegen immer seltener“, sagte BVPI-Geschäftsführer Manfred Tiedemann dem Handelsblatt. Dem Ziel der Deregulierung und Entbürokratisierung würden wichtige Vorschriften geopfert – mit enormen Konsequenzen.

Tatsächlich finden in vielen Fällen die früher zwingend vorgeschriebenen behördlichen Bauabnahmen nicht mehr statt. So gilt etwa in den meisten Bundesländern seit einigen Jahren keine Prüfpflicht mehr für ein Ein- und Zweifamilienhäuser. Der BVPI rechnet daher in den nächsten Jahren mit einer Welle von Schäden, die sich aus unentdecktem Pfusch am Bau ergeben. Versteckte, aber gravierende Baumängel mit enormen Folgen für die Standfestigkeit eines Gebäudes sind oft vom Laien nicht erkennbar. Eigentümer werden dann nach vielen Jahren von den Folgen eingeholt. „Die Betroffenen werden mit den Konsequenzen allein im Regen stehen gelassen. Sie müssen sich mit ungewissen Erfolgsaussichten an die Gerichte wenden“, kritisiert Tiedemann. Es sei ein Gebot des Verbraucherschutzes, für Abhilfe zu sorgen.

In der Folge des Unglücks von Bad Reichenhall schrieb der Bund regelmäßige Kontrollen bei Bundesbauten fest – eine Entscheidung, die die Prüfingenieure ausdrücklich begrüßen. Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee (SPD) will in der nächsten Woche über erste Erfahrungen mit den Kontrollen berichten. Außerdem einigte sich die Landesbauministerkonferenz im September auf „Hinweise zur wiederkehrenden Überwachung besonders gefährdeter Bauwerke“. Die Umsetzung dieser Hinweise obliegt allerdings den Ländern. „Das ist aus unserer Sicht völlig unbefriedigend“, klagt Tiedemann.

Nach Beobachtung der Prüfingenieure geht der Abbau von Vorschriften im Baubereich in den Behörden einher mit einem Exodus kompetenter Mitarbeiter: „Vielerorts ist mit den Vorschriften auch das Know-how verschwunden.“ Mittlerweile würden wiederkehrende Sicherheitsprüfungen nur noch im Brückenbau vorgenommen. „Bei Versammlungsstätten gibt es wiederkehrende Prüfungen nur noch für haustechnische und brandschutztechnische Anlagen. Die Sicherung der Standsicherheit ist Sache des Betreibers oder Bauherren. Ob diese Kontrollen auch tatsächlich vorgenommen werden, überprüft in der Regel niemand“, kritisiert die BVPI.

Die Bauwirtschaft beurteilt die Lage freilich anders. Die Branche warnt davor, als Konsequenz aus dem Unglück von Bad Reichenhall neue bürokratische Hürden aufzubauen. Die bestehenden Gesetze reichten bei konsequenter Anwendung aus, um die Sicherheit von Gebäuden zu gewährleisten. Der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie und der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes waren gestern für eine aktuelle Stellungnahme nicht zu erreichen.

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent
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