„Gefahrenbarometer 2010“
Mittelständler fürchten sich vor Spionage

Mehr als jede zweite mittelständische Firma in Deutschland hält nach den Ergebnissen einer Exklusiv-Studie Spionage- und Informationsdiebstahl für das größte Risiko ihres Unternehmens. Die Furcht ist berechtigt. Denn gegen Wirtschaftskriminalität sind die wenigsten Mittelständler ausreichend gewappnet.

DÜSSELDORF. Der Chef des niedersächsischen Unternehmens für Spezialchemie war arglos, bis ihn sein neuer Hausjustiziar auf etwas aufmerksam machte. Wo sich denn die - für die Firma überlebenswichtigen - Konstruktionszeichnungen so befänden? Ein Satz davon lag beispielsweise bei der Umweltbehörde - dort wähnte der Chef sie sicher. "Dass es heute Einsichtsrechte für derlei Firmenunterlagen bei Behörden gibt - und zwar für jedermann und auch ohne jedes konkrete Anliegen -, das war dem Chef nicht klar", erzählt Alexander Haudan, Anwalt bei der Topkanzlei Taylor Wessing in Düsseldorf.

Der Firmenchef handelte direkt. Er fuhr persönlich zur Behörde, stempelte die Konstruktionszeichnungen als "geheim" - damit jeder Sachbearbeiter gewarnt war - und versiegelte sie im Umschlag. Das war gerade noch rechtzeitig. Zwei Tage später tauchten zwei Ex-Mitarbeiter dieser Chemiefirma bei der Behörde auf, die genau in diese Zeichnungen Einblick nehmen wollten. "Mit der Haltung des Firmenchefs ´Meine Leute machen so etwas nicht' war es dann vorbei", so Haudan.

So wie er denkt heute bereits die Mehrzahl der Mittelständler: 53 Prozent von ihnen glauben, dass Spionage und Informationsdiebstahl oder-verlust in Zukunft die größten Risiken für ihr Unternehmen hierzulande darstellen. 50 Prozent befürchten Hackerangriffe, und 29 Prozent denken, dass Korruption für sie ein hohes Risiko ist. Das zeigt die Umfrage "Gefahrenbarometer 2010" vom Sicherheitsunternehmen Corporate Trust zusammen mit dem Handelsblatt, das Sicherheitsrisiken des deutschen Mittelstands auslotet.

Befragt wurden 5 154 Geschäftsführer, Vorstände, Sicherheitsverantwortliche, IT- und Personalleiter in mittelständischen Unternehmen aus allen Branchen (Antwortquote: neun Prozent). Zudem erfolgten 30 Tiefeninterviews mit Weltmarktführern, also Hidden Champions.

Nur 20 Prozent haben Compliance-Richtlinien

Ein weiteres bemerkenswertes Ergebnis der Umfrage: Große Mittelständler werden öfter Opfer krimineller Delikte wie Untreue, Unterschlagung, Betrug, Korruption oder Industriespionage als kleinere Mittelständler. Die meisten Schäden - 37 Prozent - entstanden bei den größeren Mittelständlern mit 50 bis 250 Millionen Euro Umsatz und 250 bis 1 000 Mitarbeitern. Die Unternehmen mit 250 Millionen bis eine Milliarde Euro Umsatz waren in 24 Prozent der Fälle die Geschädigten. 21 Prozent der Schäden entfielen auf Unternehmen mit zehn bis 50 Millionen Euro Umsatz. Wer über eine Milliarde Umsatz hat, verzeichnet 18 Prozent der Schäden. Generell gilt: Großunternehmen sind weniger gefährdet.

"Fast alle Konzerne haben die Sicherheitsabteilung als Schutzschild, zum Teil Abteilungen mit mehreren Hundert Mann", weiß Sicherheitsprofi Christian Schaaf, Chef der Sicherheitsberatung Corporate Trust in München. "Mittelständler zeigen an der Stelle dagegen häufig eine offene Flanke." Das zeigt auch die Studie: Gegen Wirtschaftskriminalität sind die wenigsten Mittelständler ausreichend gewappnet. Compliance-Richtlinien haben nur 20 Prozent von ihnen, ihre Revision zu Fachseminaren schicken nur sechs Prozent, und Whistle-Blowing-Systeme haben nur fünf Prozent installiert.

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