Genossenschaften
Wenn Unternehmer zu Genossen werden

Die Genossenschaftsidee erobert neue Felder der Wirtschaft: Nicht nur Landwirte und Handwerker, sondern auch Ärzte, IT-Spezialisten oder Architekten schließen sich heute zusammen, um sie ihr Wissen als Genossen zu teilen, große Aufträge zu bekommen oder im Einkauf günstigere Preise auszuhandeln.

KÖLN. Thomas Hann bürstet gerne mal gegen den Strich. "Das Netzwerk der schwarzen Schafe" - so nannte der Gründer aus Weil am Rhein seinen Kreativ-Verbund. Vor sechs Jahren rief er die Genossenschaft der etwas anderen Art ins Leben: 15 Selbstständige - darunter Grafikdesigner, Multimedia-Spezialisten und Marketingexperten - hatten die Abhängigkeit von großen, kommerziellen Agenturen satt. "Fair und menschlich" solle es zugehen und dennoch effizient.

Inzwischen hat die eingetragene Genossenschaft (eG) unter dem Label The Seed 400 Künstler und Designer aus der ganzen Welt vernetzt. Wie eine normale Full-Service-Agentur nehmen die Genossen Aufträge in fast allen kreativen Bereichen entgegen - von Schnittmustern über Imagetexte bis hin zu Animationsfilmen oder Sounddesign. Auf der Kundenliste finden sich O2, Hugo Boss, Camel Active und Nintendo.

Die über 150 Jahre alte Genossenschaftsidee dringt in neue Felder der Wirtschaft vor. 2008 haben sich laut Deutschem Genossenschafts- und Raiffeisenverband (DGRV) 145 Gemeinschaften dieser Rechtsform gegründet - so viele wie seit Jahren nicht mehr. 2009 erwartet der DGRV eine weitere Steigerung. Die Zeit, in denen man Genossen fast nur in der Landwirtschaft oder im Handwerk antraf, ist passé. Auch Ärzte, IT-Spezialisten, Designer oder Architekten schließen sich heute zusammen. Als Genossen teilen sie ihr Wissen, bewerben sich gemeinsam um große Aufträge oder handeln im Einkauf günstigere Preise aus.

"Genossenschaften haben den Ruf, antiquiert zu sein und nur in Nischen zu funktionieren", sagt Theresia Theurl, Leiterin des Instituts für Genossenschaftswesen an der Uni Münster. "Aber sie verkörpern auch Werte, die heutzutage wieder wichtiger werden, wie Nachhaltigkeit, Verantwortungsbewusstsein, Selbsthilfe und Effizienz", erklärt sie das erstarkte Interesse an der Rechtsform. Zweck jeder Genossenschaft ist, ihre Mitglieder zu fördern. Sie schließen sich für ein Ziel zusammen, das sie alleine nicht erreichen können.

Die Mitglieder von The Seed etwa wollen selbstständige Künstler bleiben, aber gemeinsam größere Aufträge an Land ziehen. Dabei geht es demokratisch zu. Jeder hat eine Stimme - unabhängig davon, wie viel er ins Unternehmen investiert hat. "In der Genossenschaft gibt es keine feste Hierarchie, sondern eine dynamische Struktur die ständig hinterfragt und verbessert werden kann", sagt The-Seed-Gründer Thomas Hann. Das System funktioniert auch bei den großen Genossenschaften wie dem IT-Dienstleister Datev mit seinen knapp 40 000 Mitgliedern. Die Stimmgleichheit schützt sie vor feindlichen Übernahmen.

Rund 7 200 Genossenschaften mit etwa 20 Mio. Mitgliedern gibt es in Deutschland, etwa 5 300 davon sind im DGRV organisiert, 1 900 sind Wohnungsbaugenossenschaften. Mit etwa 16 Mio. Mitgliedern ist der Bereich der Kreditgenossenschaften der größte. Während die Wirtschaftskrise hier zur Konsolidierung und zum Mitgliederschwund führt, wachsen die neuen Genossenschaften im Dienstleistungssektor. 2008 wurde jede fünfte Genossenschaft im Gesundheitssektor gegründet, wo sich Apotheker und Ärzte zusammentun.

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