Geschäftsaussichten
Der Mittelstand steht vor goldenen Zeiten

Rezessionsangst, Eurokrise, Börsentaumel - das sorgt den deutschen Mittelstand in diesen Tagen. Dabei seien die Geschäftsaussichten hervorragend, so ein Experte. Voraussetzung: Nicht auf zu vielen Hochzeiten tanzen.
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Stuttgart/BonnDer Wirtschaftswissenschaftler Professor Hermann Simon sieht auf den innovativen deutschen Mittelstand goldene Zeiten zukommen - falls der sich auf seine Stärken konzentriert. „Was diesen Teil der deutschen Wirtschaft anbelangt, bin ich überaus optimistisch. Man sagt, China wird die Fabrik der Welt. Es fragt aber keiner, wer diese Fabrik denn baut. Die bauen nämlich wir“, sagte Simon - der für sein Wissen über verborgene Weltmarktführer (Hidden Champions) bekannt ist - in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. „Elektrizität, Wasser, Eisenbahnen, Häfen: Bei Infrastruktur dieser Art hat die Welt unendlichen Bedarf - die Wachstumschancen sind auf Jahrzehnte unbegrenzt.“

Der Marktführerschafts-Forscher warnte angesichts der verlockenden Chancen davor, dass sich Unternehmen zu breit aufstellen. Anstatt in verwandten Marktsegmenten weitere Verdienstmöglichkeiten zu suchen, sollten sie vielmehr auf den Ausbau ihrer Kernkompetenzen setzen. Die hundertfachen Beispiele deutscher Weltmarktführer, die in ihren Nischen unschlagbar sind, bestätigten den Erfolg dieser Taktik. „Wer auf fünf Hochzeiten gleichzeitig tanzt, wird nie ein Hidden Champion. Man muss sich auf eine Sache konzentrieren und über Jahrzehnte dabeibleiben.“

Simon, dessen Beraterunternehmen Simon-Kucher & Partners weltweit Klienten in Strategie-, Marketing und Preisfragen betreut, sieht vor allem kleinere Firmen mit beschränkten Managementkapazitäten Gefahr laufen, sich zu verzetteln. „Diversifikation, also die Eier in mehrere Körbe zu legen, wird natürlich begründet mit Risikostreuung.“ Dabei werde aber Entscheidendes vergessen: Die Aufmerksamkeit auf Verschiedenes zu streuen, steigere das Risiko, dem Wettbewerb nicht überlegen zu werden oder zu bleiben. Innovative Ideen - konsequent vorangetrieben - seien in der Globalisierung meist Erfolgsgaranten.

Zwar spreche das Risiko, dass Märkte wegbrechen können, für viele Standbeine. „Es ist aber keinesfalls so, dass eine Diversifikationsstrategie weniger riskant ist als eine Fokussierungsstrategie.“ Dennoch sehe er folgenden Trend: „Ich beobachte bei sehr vielen jungen Unternehmern, dass sie oft noch eine Idee haben, die thematisch in der Nähe liegt und sich ein bisschen überschneidet. Die jungen Unternehmen sind versucht, ein zweites oder drittes Unternehmen zu gründen, um diese Ideen zu verfolgen. So kommen sie aber nie in die Position eines Weltmarktführers oder Hidden Champions.“

Als eine der größten strukturellen Gefahren für den Mittelstand sieht auch Simon den allseits viel beklagten Fachkräftemangel. „Dass zu wenige Leute in technische Berufe gehen - sei es an der Uni oder auf der Facharbeiterebene - ist ein Riesenthema, das wir meiner Meinung nach nur mit qualifizierter Zuwanderung lösen können - ein Thema, vor dem sich Deutschland unerklärlicherweise, man kann auch sagen in großer Dummheit, drückt.“

Mit Weitblick könnten Firmen aber auch diesem Problem begegnen. „Mein Rat ist der folgende: In jeder Gegend gibt es Talente. Versucht sie früh zu identifizieren, praktiziert eine enge Zusammenarbeit mit den Schulen, den Gymnasien, den Universitäten und Fachhochschulen in der Region. Bietet den Talenten Praktika an und versucht sie zu gewinnen. Denn es ist ziemlich aussichtslos, jemanden von München nach Bargteheide zu holen.“

Simon sieht einen zentralen Grund für den Erfolg global führender Mittelständler - neben den Unternehmerpersönlichkeiten - übrigens auch im Management: „Die durchschnittliche Verweildauer bei den Vorstandsvorsitzenden der Dax-Unternehmen ist zurzeit 5,1 Jahre. Bei den Hidden Champions sind es 20 Jahre. Alleine das sagt sehr viel.“

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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