Gesundheitsvorsorge
Fit bis zur Rente

Nur schleppend wird vielen mittelständischen Unternehmen bewusst, dass die Gesundheit ihrer Mitarbeiter auf Dauer überlebenswichtig ist. Denn Investitionen in das Gesundheitsmanagement zahlen sich aus. Grund ist vor allem der Demografiewandel. Gesundheitsprävention wird damit zu einer betriebswirtschaftlichen Kennzahl.
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WERTHER. Den schwarzen Aktenkoffer mit Aufklärungsmaterial hat sie immer dabei. Angelika Thaler-Jung, Inhaberin der Berufsbekleidungsfirma "Chaps&More" aus Enger, eilt von einem mittelständischen Betrieb zum nächsten um dessen Inhalt zu zeigen: nach DIN-Norm zertifizierte Knieschoner. Bisher ein "Knochenjob", denn nur langsam, so ist die Erfahrung der Spezialistin für Knieschutz, realisieren die mittelständischen Unternehmen, dass sie etwas für die Gesundheit ihrer Mitarbeiter tun müssen.

Der Demografiewandel kommt ihrer Aufklärungsarbeit entgegen. Thaler-Jung rechnet vor: "Bis zur Rente mit 67 werden viele Mitarbeiter im Baugewerbe nicht durchhalten. Für die Betriebe ist das aber lebenswichtig. Bei einer Belegschaft mit 50 Mitarbeitern, in der die Hälfte über 50 Jahre alt ist, ergibt ein durchschnittlicher Krankenstand von 14 Tagen pro Mitarbeiter 350 Fehltage. Das bedeutet für einen Betrieb dieser Größenordnung das Aus."

Hoher Krankenstand gefährdet die Zukunftsfähigkeit

Gesundheitsprävention wird damit zu einer betriebswirtschaftlichen Kennzahl, die mit über die Zukunftsfähigkeit eines Betriebes entscheidet. "Der Leidensdruck bei den mittelständischen Unternehmen nimmt spürbar zu", beobachtet Thaler-Jung. Und mit ihm steigt auch die Investitionsbereitschaft in Prävention. Laut einer Schätzung des Bundesverbandes der Betriebskassen geben Firmen dafür im Schnitt rund 60 Euro jährlich pro Mitarbeiter aus. Mittelständische Unternehmen investieren oft noch mehr. Thomas Wurst, Geschäftsführer der Wurst Stahlbau GmbH im niedersächsischen Bersenbrück zum Beispiel gibt 235 Euro pro Angestellten aus. "Der Faktor Arbeit ist der wichtigste im Unternehmen", sagt Stahlbauer Wurst. "Gesunde Mitarbeiter sind unser Zukunftskapital."

Mir ihrem Gesundheits-Engagement sind mittelständische Unternehmen vielen DAX-Konzernen voraus, wie ein Blick in die Teilnehmerliste von den Gesundheitstagen der Deutschen Krankenversicherung (DKV) zeigt. "Insgesamt wurden 2009 fast 50 Gesundheitstage durchgeführt. Zwei fanden bei DAX-Unternehmen statt, die anderen 48 bei Autoherstellern, Medien, Verkehrsbetrieben und Pharmaunternehmen", sagt Andreas Kottmeier, Leiter im Bereich Strategisches Gesundheitsmanagement bei der DKV. Die Versicherung führt Venenscreenings, Zahngesundheitstage und Hautscreenings durch und bietet Untersuchungen auch speziell für Führungskräfte an. "Die interessierten Firmen verbinden in der Regel zwei Ziele mit der Aktion: besserer Gesundheitsstatus, weniger Fehlzeiten und damit höhere Produktivität", sagt Kottmeier.

Dax-Unternehmen haben Nachholbedarf

Laut Expertenschätzungen bauen bundesweit über 3 000 mittelständische Unternehmen, die Hälfte davon mit 100 bis 500 Mitarbeitern, Programme für ein Gesundheitsmanagement auf.

In vielen DAX-Unternehmen hingegen wird die demografische Entwicklung und die Rente mit 67 auf Kosten der zukünftigen Wettbewerbsfähigkeit "einfach verschlafen", heißt es in der Studie "Gesundheitsmanagement" von Professor Bernhard Badura, der European Business School, der Bertelsmann - und der Hans-Böckler-Stiftung sowie dem BKK Bundesverband. Demnach haben nur 258 der 800 Konzerne ein Gesundheitsmanagementsystem etabliert.

Anders in Bersenbrück beim Mittelständler Wurst. Hier zeigen die Maßnahmen bereits Wirkung: Seitdem ergonomische Büromöbel angeschafft und Rückenkurse durchgeführt wurden, kommt der mobile Physiotherapeut nur noch selten. Solche Ergebnisse honorieren auch die Banken mit einer besseren Bonitätsbewertung - bisher allerdings nur im qualitativen Teil. "Auch wenn Effekte des betrieblichen Gesundheitsmanagements sich nicht mittelbar in harten Erfolgszahlen nachweisen lassen, sollte trotzdem über durchgeführte Maßnahmen für mehr Gesundheit im Unternehmen berichtet werden", sagt Thomas Wurst. Firmen, die sich mit den Fragen des demografischen Wandels befassen und Programme zur Sicherung der Produktivität auch bei einer alternden Belegschaft auflegen, gelten als zukunftsorientiert. Und das kann sich bei Kreditverhandlungen auszahlen.

KOSTENFAKTOREN

Fehltage Eine Schätzung des Hamburger Wirtschaftsinstituts (HWWI) geht davon aus, dass die Produktivitätsverluste durch Fehltage die Arbeitgeber allein in Deutschland 262 Milliarden Euro im Jahr kosten.

Demografie Durch die demografische Entwicklung verschieben sich in den nächsten zehn Jahren die Mitarbeiteraltersstrukturen. Durchschnittlich 35 Prozent der Beschäftigten "wandern" in die Altersgruppe 50 plus.

Betriebsklima 27 Prozent von 60 Prozent, die nach einer Forsa-Studie Probleme am Arbeitsplatz haben, klagen über fehlende Anerkennung.

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