Grundig und Nürnberg Ein Traditionskonzern verlässt seine Heimat

Der einst größte Fernsehgerätehersteller Europas ist schon lange nicht mehr selbstständig. Aber der Nürnberger Heimat blieb Grundig auch nach einigen Besitzerwechseln stets treu. Doch nun zieht die Traditionsmarke nach Hessen. So will es der türkische Eigentümer.
Die 86 Jahre alte Firma kappt ihre Wurzeln. Quelle: dpa
Grundig in Nürnberg

Die 86 Jahre alte Firma kappt ihre Wurzeln.

(Foto: dpa)

MünchenHinter der Pforte, die mit ihrem mächtigen Dach über den Schranken aussieht wie ein Grenzübergang, wehen himmelblaue Fahnen sanft im Wind. Es sind die Farben der Vedes AG. Frisch und fröhlich kommt das Blau daher, gerade so beschwingt wie Kinder in einem der Läden von Europas größtem Spielwarenhändler.

Einst wurden die Flaggen an der klobigen Pforte in einem dunkleren Blau aufgezogen: Es war die Farbe der Grundig AG, des mächtigen deutschen Unterhaltungsgeräte-Herstellers. Anfang des Jahrtausends hatte Grundig gleich neben seinen ausgedehnten Fabrikhallen in Nürnberg-Langwasser eine neue, luftige Unternehmenszentrale hingestellt. Der damalige Konzernchef wollte mit dem Neubau nach schwierigen Jahren wieder an die glorreichen Zeiten nach dem Krieg anschließen.

Viel Zeit verbrachten die Grundig-Mitarbeiter nicht mehr in dem hoch modernen Gebäude: 2003 ging der ehemals größte Fernsehgerätehersteller Europas pleite. Kurz darauf zog mit Vedes ein anderes, alteingesessenes Nürnberger Unternehmen ein, dem sein eigener Stammsitz eine Nummer zu groß geworden war.

Die kräftig geschrumpfte Grundig-Belegschaft wechselte ein paar Häuser weiter in wesentlich bescheidenere Räume. Immerhin, Grundig hielt Nürnberg die Treue. Doch nun kappt die 86 Jahre alte Firma ihre Wurzeln: Im Laufe des zweiten Halbjahres werde die Grundig Intermedia GmbH nach Neu-Isenburg bei Frankfurt umziehen, teilte der Hausgerätehersteller Arçelik mit.

Das zweite Leben deutscher Traditionsmarken
Borgward
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Borgward kommt nach Hause: 55 Jahre nach der Insolvenz will der Autobauer an seinem Heimatort Bremen wieder Autos bauen. Das kündigte das Unternehmen, dessen Hauptaktionär der chinesische Lkw-Hersteller Foton ist, am Mittwoch in Bremen an. Derzeit produziert Borgward ausschließlich in einem Werk in Peking sein SUV-Modell BX7. Die Teile für die Fertigung in Bremen werden aus China, Deutschland und Europa zugeliefert.

Borgward
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Am Standort Bremen werden nach Unternehmensangaben in der Anfangsphase 50 bis 100 Arbeitsplätze entstehen. Im ersten Schritt sei eine Fertigung mit einer Jahreskapazität von bis zu 10.000 Fahrzeugen geplant. Dazu werde eine Fertigungshalle mit rund 10 000 Quadratmetern Fläche gebaut. Das Premierenmodell aus Bremer Fertigung werde ein Borgward BX7 mit „vollelektrischem Antrieb“ sein.

Borgward
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Die Anfangsinvestitionen belaufen sich laut Borgward auf einen „zweistelligen Millionenbetrag“. Borgward gehörte einst zu den bekanntesten Autoherstellern Deutschlands und ging 1961 pleite. Borgwards Enkel Christian belebte die von seinem Großvater gegründete Marke 2015 wieder und ist Aufsichtsratschef der Borward Group. Seinerzeit wurde Borgward durch Top-Modelle wie Isabella, Arabella und Hansa 2400 bekannt.

Hertie
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2008 meldete Hertie Insolvenz an, 2009 schloss die Kette trotz Mitarbeiterprotesten ihr letztes Haus – vier Jahre später folgte das Comeback als Online-Shop. 2013 sicherten sich die Osnabrücker Internet-Unternehmer Nils und Jan Klöker die Namensrechte. Seitdem lebt Hertie als Internet-Kaufhaus weiter und bietet hertie.de nach eigenen Angaben über 1,2 Millionen Produkte an - vom Halloween-Kostüm bis zum Holzkohlegrill. Laut Experten ist dafür unter anderen der immer noch hohe Bekanntheitsgrad verantwortlich für gute Klick- und Kaufzahlen. „Das ist eine ganz andere Liga, als wenn man einen Markennamen völlig neu aufbauen muss“, so Hertie-Sprecher Klaus-Martin Meyer.

Quelle
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Ähnlich wie Hertie erging es dem Versandhaus Quelle: 2009 Pleite ging das Unternehmen pleite, der Name wurde anschließend vom Konkurrenten Otto übernommen und als Online-Shop neu aufgebaut. Heute ist quelle.de eine zusätzliche Verkaufsplattform für Haushaltsgeräte, Möbel, Elektronik und Textilien im großen Otto-Imperium. Und zwar eine äußerst erfolgreiche Plattform, wenn man dem letzten Otto-Geschäftsbericht Glauben schenkt: Im Vergleich zu 2014 habe Quelle den Umsatz in Deutschland, Österreich und der Schweiz um 20 Prozent gesteigert.

Praktiker
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Was Hertie und Quelle schon vor einiger Zeit geschafft haben, will nun auch Praktiker angehen. Die Internet-Unternehmer Christoph Kilz und Dirk Oschmann haben sich die Namensrechte der Baumarktkette gesichert. „Noch in diesem Jahr wird unter praktiker.de ein Online-Shop starten, der herkömmliche Baumärkte im Sortiment-Umfang deutlich übertreffen wird“, kündigt Mitgründer Oschmann an. Ob auch hier eine Erfolgsgeschichte entsteht, bleibt nach Meinung von Markenexperten, vor allem aufgrund der starken Konkurrenz im Baumarkt-Segment, abzuwarten.

Telefunken-Logo
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Sie galt einmal als Ikone der deutschen Industriegeschichte: Die rote Raute mit den vier Blitzen an den Seiten und dem Schriftzug „Telefunken“ stand jahrzehntelang für höchste Kompetenz in der Radio- Fernseh- und Funktechnik. Rund 20.000 Patente hielt die 1903 gegründete Firma. In ihren Forschungslabors wurde die erste Radarfalle für die Polizei, aber auch das Farbfernsehen mit dem noch heute gültigen PAL-System entwickelt.

Die türkische Grundig-Mutter bündelt ihre Deutschland-Aktivitäten in Hessen, wo das Schwesterunternehmen Beko Deutschland sitzt. Ein Arbeitsplatzabbau sei nicht geplant. „Es ist uns ein großes Anliegen, dass alle am Standort Nürnberg beschäftigten 72 Mitarbeiter mit uns ins Rhein-Main-Gebiet umziehen“, sagte Geschäftsführer Sühel Semerci.

Selbst im Fußball spielt Grundig in der Stadt keine Rolle mehr: Den Vertrag als Namensgeber des Stadions haben die türkischen Eigner zum Jahreswechsel auslaufen lassen. Grundig hat eine bewegte Geschichte.

Ein kleiner Teil bleibt Nürnberg erhalten
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