Haute Couture
François Lesage – Marlene Dietrichs Schneider

Für die größten Stars des 20. Jahrhunderts hat François Lesage gestickt. Lagerfeld und andere Modeschöpfer wissen: Noch heute kommt die Haute Couture ohne die Kunst des 80-Jährigen nicht aus. Erst durch Lesage bekommen die Kreationen ihren Glamour.

PARIS. Der Champagner perlt, die Blitzlichter zucken, Technomusik wummert. Im Grand Palais, dem Museumspalast an den Champs-Élysées zu Paris, schreitet Karl Lagerfeld über den Catwalk. Gerade hat der Modezar seine Herbst- und Winterkollektion für Chanel präsentiert. Sonnenbebrillt stolziert Lagerfeld zwischen seinen Models hindurch, die seine Haute-Couture-Kunstwerke übergestreift haben. Applaus. Dem Meister strecken sich zahlreiche Hände entgegen.

Dem untersetzten, älteren Herrn in der letzten Reihe gratuliert niemand. Er trägt einen grauen Anzug, ein blau-weiß-gestreiftes Hemd und Hosenträger. Immer wieder benetzt er sich Gesicht und Unterarme mit Wassertröpfchen aus einer kleinen Plastikflasche. François Lesage weiß, dass Karl Lagerfeld weiß: Ohne seine Künste wären Lagerfelds Roben nur halb so elegant. Erst Lesage, der Schneider, verleiht den Kreationen mit seinen Stickereien, den Pailletten, Federn und Perlen, ihren Glamour.

Dass dieses Handwerk unverzichtbar für die Haute Couture ist, räumt Modezar Lagerfeld ein: "Ohne Lesage ginge das nicht. Die in Indien, die sticken vielleicht ganz nett. Aber die Leute, die Haute Couture kaufen, die wollen Pariser Stickereien, und die kommen eben aus dem Hause Lesage."

Ehre, wem Ehre gebührt. Zumal Lesage die aktuelle Krise der Luxusbekleider kaum kratzt - weil nämlich ohne ihn in der Haute Couture kaum etwas geht.

Lesages Atelier liegt weit weg vom Laufstegrummel und der Schickeria, in den oberen Etagen eines Hauses im neunten Arrondissement. Durchs Fenster sehen seine Stickerinnen auf Sacré-C?ur, die weiße Kirche von Montmartre. In den kleinen Räumen ist die Luft heiß und stickig, überall surren kleine Ventilatoren. Aus dem Hinterhof dringt Kinderlärm nach oben. Direkt neben dem Atelier liegt eine Grundschule.

Seit 60 Jahren ist François Lesage hier zu Hause. 1949 übernahm er nach dem Tod seines Vaters die Firma. Zuvor hatte er ein Jahr eine Stickerei am Sunset Boulevard in Los Angeles geführt. Ein "harter Schlag" sei die Rückkehr gewesen: "In Hollywood war ich der französische Prinz. Ich sah schließlich gut aus. In Paris musste ich mich erst behaupten. Ich war ja noch so jung", erzählt der 80-Jährige. Er hat damals für alle großen Stars gestickt, auch für Marlene Dietrich: "Ich wusste genau, an welcher Stelle ihres Körpers sie die Stickereien haben wolle. Sie wollte immer wirken wie ein einziges Schmuckstück."

In einem Kleid stecken manchmal tausend Stunden Arbeit, das hat seinen Preis. Dennoch ist Lesage überzeugt, dass der Luxus auch diese Krise überleben wird. Schließlich sei Qualität im Verhältnis recht preisgünstig, sagt er und rechnet vor: "Wenn ich für die Haute Couture eine Stickerei für 100000 Euro mache, kostet sie die Kundin am Ende vielleicht 160000 Euro, also nicht mal doppelt so viel. Wenn sie eine Prêt-à-Porter-Stickerei kauft, die ich für 10000 Euro gemacht habe, muss sie bestimmt sechsmal so viel dafür bezahlen. Deshalb sage ich: Qualität ist preiswert."

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