Hidden Champion Festo
„Firmen müssen viel mehr zusammenarbeiten“

Eberhard Veit, Chef des Maschinenbauers Festo, erklärt, warum die Industrie Bildung selbst machen muss, Unternehmen mehr kooperieren sollten und wie er einen peinlichen Moment mit Russlands Präsident Putin erlebte.
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DüsseldorfAuf dem Rasen vor der Festo-Firmenzentrale in Esslingen ziehen zwei Mäh-Roboter ihre gleichmäßigen Bahnen und halten das Gras millimeterkurz. Vorstandschef Eberhard Veit bittet locker und gut gelaunt zum Gespräch in sein Arbeitszimmer. Als Entwicklungschef hat er schon bei Kärcher und Märklin gearbeitet. Modelle in der Vitrine hinter ihm zeugen von seiner industriellen Vergangenheit. Heute ist das große Thema des Automatisierungsspezialisten die vernetzte Industrie 4.0.

Herr Veit, Ihr hüpfendes Känguru hat auf der Hannover Messe für mehr Aufsehen gesorgt als das Hauptthema vernetzte Produktion. Was hat die Spielerei mit der Schicksalsfrage für die Industrie zu tun?
Es ist keine Spielerei. Wir gewinnen über das Lernen von der Natur wichtige Erkenntnisse, die wir industriell nutzen. Die Energiespeicherung beim Sprung des Kängurus bilden wir mit unseren Produkten nach. Gleichzeitig emotionalisiert das Känguru unsere Kernthemen wie pneumatische und elektrische Automatisierungstechnik, Vernetzung, Energieeffizienz und Kommunikation.

Wichtiger als Emotionen sind doch Produktivitätsfortschritte.
Das eine schließt das andere ja nicht aus.

Sie bauen eine Fabrik der Zukunft in Scharnhausen. Was kann denn die Welt von Festo dabei lernen?
Wir investieren 70 Millionen Euro in unsere Fabrik der Zukunft. Dort werden wir nicht nur Ventilinseln und damit das Herzstück der Pneumatik in der industriellen Produktion bauen, sondern wir wollen unseren Kunden auch zeigen, wie eine hochmoderne, extrem anpassungsfähige Fertigung mit enger Verzahnung zur Entwicklung aussieht. Sie wird eine Referenzfabrik für unsere Kunden.

Und wie sieht die konkret aus?
Neben den modernsten Verfahren wird in der Fabrik auch eine Lernfabrik enthalten sein, in der wir unsere Mitarbeiter schulen und in der Kunden lernen können, wie sie ihre Produktivität steigern können. Das wird besonders wichtig bei der Vernetzung von Industrie 4.0.

Warum?
Bei Produktivitätssteigerungen von fünf bis acht Prozent geht es nicht nur um Technologien. Es geht auch darum, dass der Mensch fähig ist, damit umzugehen. Das wird häufig vernachlässigt. Beides im Einklang schafft erst die Effizienz, die wir unseren Kunden versprechen. Schließlich müssen wir um das besser sein, was wir teurer sind.

Und da sehen Sie Festo als Vorbild?
Den Zusammenhang hat Festo früh erkannt. Seit 1965 gibt es unsere Sparte Festo Didactic, die heute rund fünf Prozent zum Umsatz beiträgt. Das ist zwar verglichen mit dem Gesamtumsatz von 2,3 Milliarden Euro wenig. Aber wir beliefern Universitäten, Schulen und Unternehmen auf der ganzen Welt mit technischen Bildungslösungen und Trainingsprogrammen. Mehr als 40 000 Menschen werden jährlich mit unseren Lernsystemen und in unseren Trainings praxisnah geschult, wie sich Effizienz in der Produktion steigern lässt.

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    ...über weite Bereiche zu den Ausführungen. Man stelle sich vor, in einem Fachbereich mit einer Halbwertzeit des relevanten Wissens von unter 2 Jahren wünscht man sich von öffentlichen Bildungsinstitutionen die passend ausgebildeten Mitarbeiter. Das scheitert nicht daran, dass die Akteure im Bildungssystem unfähig oder faul sind, sondern vor allem daran, dass Unternehmen das Wissen ja häufig als USP nicht unbedingt in der für die Ausbildung erforderlichen Tiefe an die große Glocke hängen (wollen). Deshalb sind die Unternehmen selber stärker gefordert. Interessant ist dieser Bildungsaspekt auch vor dem Beitrag "Forscher entschlüsseln Jogis Geheimnis". Wenn wir uns die Fehlerkultur und die Teamorientierung vor dem Hintergrund der Selektionskriterien bei der Beförderung in vielen Organisationen anschauen, kann Industrie 4.0 noch eine Generation oder zwei warten, bis die aktuellen hardliner der natürlichen Selektion zum Opfer gefallen sind. Denn bei einigen beschleichen mich Zweifel, ob sie den erforderlichen Wechsel im Denken hinbekommen (es ist ja nicht nur der kognitive Anteil, sondern vor allem das Verhalten!). Aber den Weg hat Herr Veit m.E. schon recht gut skizziert.

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