Identitätsdiebstahl: „Den Schaden trägt meist der Getäuschte“

Identitätsdiebstahl
„Den Schaden trägt meist der Getäuschte“

Betrüger benutzen im Internet zunehmend fremde Identitäten - von Privatpersonen, aber auch von Unternehmen. Prof. Georg Borges, Mitautor einer aktuellen Studie des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik, über Risiken und Schutzmöglichkeiten.
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Herr Professor Borges, was bedeutet Identitätsdiebstahl?

Identitätsdiebstahl ist ein Begriff, der in sehr unterschiedlichen Definitionen verwendet wird. Nach unserem Verständnis ist Identitätsdiebstahl das unbefugte Beschaffen von Identitätsdaten. Das sind Daten, die eine Identifizierung erlauben oder eine Identität ausmachen.

Was passiert mit gestohlenen Daten?

Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal werden die Daten für Betrügereien verwendet, manchmal werden sie zu Werbezwecken genutzt.

Wie geht ein Datendieb vor?

Das kommt darauf an, was im Fokus der Angreifer steht: Jemand, der Spam verschicken will, braucht eine E-Mail- Adresse und ein paar persönliche Informationen. Es gibt halblegale Möglichkeiten, bei denen man Daten auswertet, die in irgendeiner Form verfügbar sind, beispielsweise in einem sozialen Netzwerk. Manchmal geht das vereinfacht durch eine Hintertür, es gab entsprechende Pannen in der Vergangenheit. Wenn jemand Bankdaten haben will, dann sind es häufig Phishing-Angriffe: gefälschte Websites oder E-Mails, durch die der Nutzer veranlasst wird, die Daten selbst preiszugeben. Wer das macht, braucht die Kontonummer oder Kreditkartennummer, den Namen und das Passwort.

Welche Auswirkungen hat das für den Betroffenen?

Durch den bloßen Identitätsdiebstahl wird keine spürbare Schädigung eintreten. Zwar wird das Recht an der Identität verletzt, aber es entsteht noch kein unmittelbarer materieller Schaden. Die Sache wird erst durch nachfolgende Delikte zum Schaden, beispielsweise durch Spam, was zumindest eine Belästigung ist. Schlimmer wird es, wenn die Daten zu Identitätsmissbrauch benutzt werden.

Wo ist der Unterschied zum Identitätsdiebstahl?

Identitätsmissbrauch liegt immer vor, wenn die Identität von einem Dritten unbefugt verwendet wird. In aller Regel ist das ein Betrug. Wenn jemand sich als ein anderer ausgibt, in dessen Namen Dinge kauft oder Überweisungen tätigt. Ein Beispiel sind Handelsplattformen wie Amazon oder Ebay. Hier gibt es zwei Formen von Identitätsmissbrauch. Die eine läuft wie folgt ab: Der Täter kauft unter der Identität des Opfers Waren ein und verkauft diese weiter. Die Rechnung geht an das Opfer, das sich dann mit dem Händler auseinandersetzen muss. Zweites Beispiel: Man nutzt einen fremden Ebay - Account, um unter dem Namen des Accountinhabers Waren zu verkaufen. Dann überweisen die Käufer das Geld an den Täter und verlangen die Ware von dem Opfer.

Gibt es noch andere Beispiele?

Es könnte auch ein Computerbetrug sein. Das ist wieder ein anderer Tatbestand, der häufig in Tateinheit mit Urkundenfälschung oder Fälschung beweiserheblicher Daten auftritt. Es gibt sehr viele Tatbestände, die beim Identitätsmissbrauch verwirklicht werden können. Der Oberbegriff ist deswegen so abstrakt, weil er ganz unterschiedliche Sachen zusammenfasst. Tatsache ist: Identitätsmissbrauch ist nach irgendeiner Norm immer strafbar.

Die Kriminalitätsstatistik verzeichnet für 2009 bundesweit 169.743 Fälle von Betrug im Internet ?

Diese Zahl bildet nur einen Bruchteil der Fälle ab! Selbst das BKA sagt, dass die Dunkelziffer sehr hoch ist. Das können 80, 90 oder 99 Prozent sein, da will ich keine Schätzung machen.

Und wie hoch ist der Schaden, der so entsteht?

Ich kann Ihnen keine verlässlichen Zahlen nennen, das kann meines Wissens niemand. Ob es ein-, zwei- oder dreistellige Millionenbeträge pro Jahr sind, wer weiß das schon?

Aber wer muss dafür aufkommen?

Wenn der Täter nicht belangt werden kann, kommt es sehr auf den Fall an: Beim Onlinebanking trägt grundsätzlich die Bank den Schaden. Wenn der Kunde aber dazu beigetragen hat, dass es zum Schaden kam, dann haftet unter Umständen der Kunde. Beim Onlinehandel ist es typischerweise der betrogene Käufer oder Verkäufer. Als Leitlinie kann man sagen, dass den Schaden zunächst derjenige trägt, der unmittelbar getäuscht worden ist.

Was kann ein Unternehmen tun, um nicht auf solche Betrüger hereinzufallen?

Banken haben sehr viel im Hintergrund getan und verbesserte Prüfsysteme eingesetzt. Das gleiche machen viele Online-Händler bei Bestellungen. Bei teuren Waren müssen Kunden meist eine Lieferadresse und ihre Wohnadresse angeben. Beide werden überprüft, ob sie existieren. Außerdem würde man beispielsweise vor dem Losschicken eines Plasmabildschirmes auf Rechnung erst einmal eine Bonitätsanfrage stellen. Bei kleinen Summen prüfen Händler die Echtheit der Bestellung aber nicht, weil sich der Aufwand nicht lohnt. Sie verlassen sich dann auf den geringen Warenwert. Viele kleine Händler liefern auch nur gegen Vorkasse. Die großen Händler haben sehr viele Daten gesammelt und prüfen mit bestimmten Scoring-Methoden, in welchen Fällen sie auf Rechnung liefern. Das Problem ist, dass Internetnutzer untereinander ziemlich wehrlos sind, denn sie haben keine Möglichkeiten, die Echtheit von Angeboten zu überprüfen.

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  • ich werde von meinen eigenen Bruder beschissen, hab schon die erste Rechnung hier liegen, toll wenn das sogar in der Familie passiert

  • ich finde es schlimm das es soweit kommt und um,
    die anderen zu Warnen werde ich das bei uns im Forum,
    Verlinkt.
    Wo wir noch mehr internet betrugssachen habe.
    Wir haben auch Polizei Warnungen und vieles mehr dazu drinnen.
    ich will hoffen das es mal weniger werden an Meldungen.
    Mfg
    Wickiger8

  • So etwas passiert nicht nur im internet,
    sondern schon im Hausflur.
    Einer meiner Nachbarn hat vor ein paar Wochen ein Päckchen eines anderen im Haus entgegengenommen,
    und dabei meinen Namen verwendet.

    ich kann nun nur hoffen,
    dass der Geschädigte meinen beteuerungen glaubt,
    und einsieht, dass es furchtbar dumm wäre,
    würde ich ihm sein Paket klauen,
    und dabei meinen eigenen Namen angeben.

    Die Folgen von identitätsdiebstahl sind sehr unangenehm,
    vor allem die Wut darüber,
    dass der eigene gute Name versaut wird.
    Für nicht Geschädigte hört sich das vieleicht dumm an, aber glauben Sie mir, es ist unangenehmer als Sie denken.

    MfG

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