Importschlager Handwerker
Reif für die Insel

Deutsche Handwerker werden in England als Importschlager gefeiert und mit Aufträgen regelrecht überschüttet. Der Grund: Die britischen Kollegen leiden unter einem schlechten Ruf – und deutsche Qualität ist heiß begehrt in einem Land voller Altbauten.

LONDON. Drei Maurer aus Newcastle fliehen vor der Arbeitslosigkeit im Nordosten Englands nach Düsseldorf. Dort treffen sie auf vier andere englische Handwerker und erleben Liebschaften mit Fräuleins und Abenteuer mit Polizisten. Das ist im Groben der Inhalt der Fernsehserie „Auf Wiedersehen, Pet“, die im November 1983, mitten in der Thatcher-Ära, im englischen Fernsehkanal ITV zu einem Quoten-Hit wurde. Franc Roddam hatte die Idee zu der Komödie, als er auf einer Deutschlandreise Hunderte von englischen Handwerkern sah.

Heute könnte RTL den Spieß glatt umdrehen. In London tummeln sich deutsche Klempner, Elektriker und Schreiner. Sie genießen es, nach jahrzehntelanger Flaute in Deutschland mal wieder so richtig ausgebucht zu sein. Und manche von ihnen beschließen gar, in England zu bleiben.

Michael Schwan ist „The German Plumber“, der deutsche Klempner. So steht es auf dem weißen Lieferwagen in der Auffahrt zu einem bescheidenen Haus im Londoner Vorort Knaphill. Zu Hause, nahe der holländischen Grenze, nennt er ein schönes, neues Einfamilienhaus sein Eigen. Doch was nützt das, wenn es dort keine Arbeit gibt? In Knaphill und Umgebung gibt es Arbeit, und zwar mehr, als Schwan leisten kann. Nach London reinzufahren, hat er längst aufgegeben. Da würde er nur im Stau wertvolle Arbeitsstunden verbummeln.

„Die Leute rennen mir die Bude ein. Ich muss das Handy tagsüber ausstellen, sonst würde ich vor lauter Anrufen gar nicht zum Arbeiten kommen“, erzählt der 40-Jährige mit dem kurzen, grau melierten Haar im Esszimmer des Hauses in Knaphill. „So was habe ich in Deutschland in 23 Jahren nicht erlebt.“ Vor zweieinhalb Jahren kam er erstmals auf die Insel, um eine Fußbodenheizung zu verlegen. Weitere Aufträge folgten, und Schwan entschied sich, aus der vom Schwiegervater gegründeten Firma in Oberhausen auszusteigen. Ein Jahr lang pendelte er jede Woche, dann holte er seine Frau und die beiden Söhne nach.

Der Anfang war schwer. Mit dem Englisch haperte es noch, die Gewöhnung an das bescheidenere Domizil fiel schwer, der Wechsel an die englische Schule war für die 13- und 15-jährigen Kinder hart. „Auswandern sieht im Fernsehen viel einfacher aus, als es ist“, warnt Schwan. Doch die Arbeit macht ihm Freude. „Die Kunden hier sind ja so dankbar, wenn man pünktlich kommt und anständige Arbeit abliefert.“ Er staunt noch immer, wenn er Tee angeboten bekommt und Kunden nach getaner Arbeit anrufen, um sich zu bedanken.

Außerdem sei die Zahlungsmoral viel besser als daheim: Zum Abschied gibt es gleich einen Scheck in die Hand. Der fällt höher aus als in Deutschland – was es daheim in Euro gibt, rechnet er hier in Pfund ab –, aber natürlich sind auch die Lebenshaltungskosten im Süden Englands entsprechend hoch.

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