In Tschechien gelten für die Unternehmensführung andere Maßstäbe
Hoher Krankenstand ist kein Problem

Die Tschechische Republik ist das einzige Land der EU-Beitrittskandidaten 2004, das keine EU-Außengrenze hat und deshalb von Visapflichten verschont bleibt. Deutschlands unmittelbarer Nachbar mit seinen niedrigen Arbeitskosten scheint wie geschaffen für deutsche Investoren.

KÖLN. Auf 1 100 schätzt die Deutsch-Tschechische Industrie- und Handelskammer (DTIHK) die Zahl der deutschen Firmen, die sich in Tschechien niedergelassen haben. Neben VW, Bosch, RWE und Siemens haben auch Mittelständler entdeckt, dass das Land voller unternehmerischer Möglichkeiten steckt. So hat sich der Automobilzulieferer Kostal GmbH & Co KG 1993 dort angesiedelt, wo seine Kunden ebenfalls produzieren. Damit kehrte das Unternehmen mit weltweit über 9 000 Beschäftigten zu den eigenen Wurzeln zurück. Denn Firmengründer Leopold Kostal war 1912 aus tschechoslowakischem Gebiet nach Lüdenscheid gekommen, wo heute der Stammsitz des Unternehmens liegt.

Aber es waren nicht nur nostalgische Gründe, die den Produzenten von Systemkomponenten für die Kfz-Elektronik nach Tschechien führten. Die Verlagerung geschah marktabhängig, vor allem im Hinblick auf die niedrigen Arbeitskosten. Durchschnittlich 280 Euro verdienen die gewerblichen Mitarbeiter, die pro Woche vier Schichten zu zwölf Stunden leisten müssen. „Vom einfachen Produktionsstandort hin zu einem hoch entwickelten Serienstandort“, so umreißt Verwaltungsleiter Joachim Grabowski die Firmenentwicklung in Cernín, rund 40 Kilometer südlich von Prag. 95 % der Belegschaft sind Frauen, die an den hoch modernen Präzisionsmaschinen angelernt wurden. Es gibt einen Gruppenakkord, der den aus drei bis vier Arbeiterinnen bestehenden Einheiten Zulagen sichert. „Die größte Schwierigkeit besteht darin, qualifiziertes Personal zu finden“, klagt Grabowski. Denn in der Nähe Prags, wo die Arbeitslosigkeit mit einer Quote von 4 bis 5 % relativ gering ist, herrscht auch eine gewisse Konkurrenz unter den Arbeitsplatzanbietern. Firmentreue ist für viele Mitarbeiter ein Fremdwort. Sie arbeiten dort, wo die Verdienstmöglichkeiten am größten sind.

Manchmal arbeiten sie auch gar nicht. Das größte Problem sind die hohen Ausfälle durch Krankheit. Da das vom Staat ab dem ersten Krankheitstag gezahlte Krankengeld nur unwesentlich unter dem Verdienst für eine Schicht liegt, bleiben die Mitarbeiter des öfteren zu Hause. Das ist ein Missstand, den alle deutschen Firmenchefs beklagen, der sie allerdings nur vor organisatorische, nicht vor finanzielle Probleme stellt.

Auch Georg Keseberg, Geschäftsführer der Mubea-Gruppe aus dem westfälischen Attendorn weiß ein Lied davon zu singen. Das Familienunternehmen mit 3 000 Mitarbeitern weltweit expandierte 1994 nach Zebrák in Tschechien. Auf einem 100 000 Quadratmeter großen Grundstück entstanden hier Produktionshallen für die Fertigung von Federkomponenten, Riemenspannsystemen und Kupplungsdrahtfedern. Mubea produziert diese Kleinteile mit hoher Fertigungstiefe für die Automobilindustrie als einziges Unternehmen in Osteuropa.

Anlernkräfte zu bekommen, sei kein Problem, sagt Keseberg, aber es sei schwierig, tschechische Führungskräfte mit Autorität und Disziplin zu finden, die ein gewisses Leistungsdenken mitbrächten und ihre Landsleute motivieren und führen könnten. Zum Glück sprechen bei Mubea viele der 360 Mitarbeiter, zumindest bis zur Meisterebene, deutsch, so dass der Diplom-Ingenieur auf seine „längst nicht ausreichenden“ tschechischen Sprachkenntnisse nicht allzu oft zurückgreifen muss.

Nicht nur er, sondern das ganze Unternehmen fühlt sich wohl in Tschechien, und der Markterfolg trägt gewiss dazu bei. Die Investitionen in Tschechien, für die beträchtliche Steuerbefreiungen in Anspruch genommen werden konnten, wirken auch zurück. Die Zahl der Mitarbeiter in Attendorn, wo vor allem die Forschung, Entwicklung und Ausbildung angesiedelt sind, wächst stetig.

Dass der tschechische Markteintritt von Mubea und Kostal so erfolgreich verlief, ist zu einem großen Teil CzechInvest zu verdanken. Die Agentur hat 40 % der ausländischen gewerblichen Investitionen in Tschechien begleitet. So müssen die Förderanträge, die abhängig vom Ansiedlungsgebiet mit bis zu 50 % Zuschüssen rechnen können, sieben Instanzen, davon allein drei Ministerien, durchlaufen. CzechInvest verfügt über die notwendigen Kontakte, um die Behördengänge nicht zu einer Odyssee werden zu lassen. Denn trotz der Ähnlichkeiten der Mentalitäten ist Tschechien ein Land, dessen politische und wirtschaftliche Entwicklung seit der Transformation noch nicht abgeschlossen ist. DTIHK-Direktor Dieter Mankowski nennt als Hauptprobleme das hohe Maß der Korruption in den Behörden, die lasche Zahlungsmoral und ein gewaltiges Ausmaß der Schattenwirtschaft. Dennoch sind sich Wirtschaftsexperten einig, dass das Marktpotenzial groß ist und in den nächsten Jahren noch wachsen wird.

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