Infrastruktur
König Fußball rettet Polen

Lange haben sich die Nachbarn jenseits der Oder geweigert, das Wort Krise in den Mund zu nehmen. Nun ist sie da. Auch wenn die Bauwut vielerorts nicht gerade nach Krise aussieht. Denn Polen rüstet sich für die Euro 2012.

WARSCHAU. In der polnischen Hauptstadt wird zurzeit das "Stadion des Jahrzehnts" abgerissen. An seiner Stelle entsteht das weiß-rote Nationalstadion, das 2012 das Eröffnungsspiel der Fußball-EM 2012 beherbergen soll. "Wir sind dem Zeitplan voraus", sagt Polens Sportminister Miroslaw Drzewiecki. Bagger heben Gruben aus, Bulldozer nivellieren das Terrain, Lastenkräne hieven Betonpfeiler. Anblicke, die auch die drei weiteren Spielstätten Polens in Breslau, Posen und Danzig prägen.

Dort werden in zweieinhalb Jahren Arenen stehen, die zu den modernsten Sport- und Veranstaltungsstätten Europas gehören dürften. Diesen Anspruch erheben zumindest die verantwortlichen Architekturbüros, zu denen auch die deutschen RKW, JSK und gmp gehören. Hierzulande dürften sich lukrative Zulieferchancen bieten, da auch viele deutsche Unternehmen zu den Baukonsortien gehören.

Obwohl die UEFA im Mai entschieden hat, in Krakau und Königshütte keine EM-Spiele auszutragen, will Sportminister Drzewiecki die Stadien dort trotzdem ausbauen. Schließlich ist nach wie vor offen, ob das Partnerland Ukraine die nötige Infrastruktur an seinen vier Standorten rechtzeitig aufpolieren kann. Das UEFA-Exekutivkomitee hat bislang nur Kiew als ukrainischen EM-Austragungsort akzeptiert. Im November entscheidet es über Donezk, Lwiw und Dnjepropetrowsk.

Die EM 2012 ist Ansporn für Polen - ein besonders wichtiger in Zeiten, in denen eine Hiobsbotschaft die andere jagt: Wegbrechende Aufträge, drohende Werksschließungen, Kreditmangel, hohe Verluste infolge spekulativer Währungsoptionsgeschäfte. Dazu das ministeriale Tauziehen um Vorschläge für das viel diskutierte Konjunkturprogramm, das Polen vor einer Rezession bewahren soll. Die Menschen sehnen sich nach etwas, woran sie glauben können. Da kommt die Fußball-EM gerade recht. Dieses Ereignis lässt Fußballherzen höher schlagen und weckt Hoffnungen auf einen Wirtschaftsaufschwung.

Die wirtschaftlichen Vorteile als EM-Standort liegen auf der Hand. Kurzfristig profitieren das Gastgewerbe, der Einzelhandel und der Tourismussektor. Abgesehen davon dürfte die gute Stimmung im Land generell das Geschäft beleben, wie es in Deutschland nach der WM 2006 der Fall war. Langfristige Effekte bewirkt in erster Linie die verbesserte Infrastruktur, da sie Polen als überregionale Vertriebsbasis interessanter macht und vernachlässigte Landstriche verstärkt in den Blickpunkt der Investoren rückt.

Die polnische Regierung beharrt bis heute auf Schuldendisziplin und lehnt direkte Finanzhilfen für die Wirtschaft ab. Im Gegenteil will sie angesichts hoher Einnahmeausfälle den Haushalt um knapp 2,3 Mrd. Euro kürzen. Betroffen sind die Bereiche Verteidigung, Inneres, Justiz, Wissenschaft und Hochschulen. Nicht auf die lange Bank schieben können die Politiker - angesichts maroder Netze und einer nahenden EM - Schlüsselprojekte zum Ausbau der Transportsysteme. Leiden werden darunter Infrastrukturbereiche wie die Abfallwirtschaft und Kläranlagen nach dem Motto: Straßen statt Umwelttechnik.

Transport und Logistik können mit dem Wirtschaftswachstum Polens nicht mehr mithalten und entpuppen sich zunehmend als Achillesferse für die Entwicklung des Landes. Unter dem Druck der EM befreit sich der östliche Nachbar nun allmählich aus einer Art Paralyse. Langwierige Ausschreibungsverfahren verhinderten bislang einen zügigen Ausbau, obwohl seit dem EU-Beitritt hohe Fördersummen in Infrastrukturprojekte fließen. Zeitverluste entstanden durch Einsprüche und Beschwerden von Unternehmen, Proteste von Anwohnern und Umweltschützern, fehlende Flächennutzungspläne und den Fachkräftemangel.

Der Ausbau des Straßennetzes wird den Standort Polen nachhaltig verbessern und verkehrstechnisch abgeschnittene Regionen im Zentrum, im Norden und im Osten stärker in den Fokus rücken. Bereits heute zieht es zahlreiche Transport- und Logistikfirmen nach Lodsch, Piotrkow Trybunalski und Strykow. Deren zentrale Lage bildet eine gute Basis für den innerpolnischen Vertrieb. Mit dem künftigen Autobahnanschluss, werden die Orte überregional an Bedeutung gewinnen, da sie die Ukraine und Russland durch das geplante Autobahnkreuz A1/A2 anbinden.

Der Infrastrukturbau in Polen wird 2009 um mehr als ein Fünftel und somit stärker als in allen anderen EU-Ländern zulegen. Etwa 50 Mrd. Zl (11 Mrd. Euro) will Polen in den nächsten beiden Jahren investieren, um fast 1.000 km Autobahnen, Schnell- und Umgehungsstraßen zu bauen oder zu erneuern. Allein 2009 will die Generaldirektion für Landesstraßen und Autobahnen 62 Bauvorhaben im Gesamtwert von fast 29 Mrd. Zl ausschreiben.

Neben dem Zentralstaat investieren auch Städte und Kommunen in die Verkehrsinfrastruktur. Die 16 größten Städte Polens wollen 2009 zusammen rund 11 Mrd. Zl ausgeben. Noch sind die Nahverkehrssysteme nicht auf die Besucherströme bei EM-Spielen vorbereitet.

Auch der Schiene kommt Geld zugute. Polens Staatsbahn PKP kündigte an, bis 2012 rund 1.200 km Eisenbahnstrecke zu erneuern. Inzwischen ist klar, dass es bis zum Fußballereignis 2012 höchstens 900 km werden. Laut PKP werden die aus Sicht der UEFA besonders wichtigen Bahnanschlüsse zwischen den Stadtzentren Warschaus und Krakaus und den jeweiligen Flughäfen bis 2012 fertig sein. Gefährdet ist dagegen die Modernisierung einiger Bahnstationen, darunter die der Hauptbahnhöfe in Warschau, Breslau und Krakau.

Die Vorhaben eröffnen deutschen Anbietern von Bahntechnik lukrative Geschäfte. Zum Beispiel will PKP Intercity bis zur EMs 36 elektrisch betriebene Fernverkehrswaggons mit einer Höchstgeschwindigkeit von bis zu 160 km/h kaufen und 380 Passagierwagons modernisieren. Zur Kofinanzierung dieser Investitionen stehen EU-Fördergelder bereit. Ferner will die Bahngesellschaft mit 200 Mio. Euro ihren Fuhrpark modernisieren.

Den westeuropäischen Standard muss auch das polnische Flughafennetz noch erreichen: Kommen in Polen auf einen Flughafen rund 3,2 Mio. Einwohner, sind es in der Gruppe der Alt-EU-15 nur knapp 500 000 Einwohner. In den Fortschrittberichten der UEFA tauchten kürzlich nur noch die Flughäfen als hohes Risiko der polnischen Seite auf. EU-Fördermittel stehen bislang ausschließlich über das Operationelle Programm Infrastruktur und Umwelt bereit. Hierüber erhalten die acht Flughäfen in Warschau, Danzig, Breslau, Posen, Krakau, Kattowitz, Stettin und Rzeszow mehr als 250 Mio. Euro. Später sollen noch 300 Mio. Euro an EU-Fördermitteln für Regionalflughäfen hinzukommen.

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