Insolvenz als Chance
Saargummi hofft auf Neuanfang

Unternehmen insolvent - Mitarbeiter feiern. Was auf den ersten Blick skurril anmutet, hat tatsächlich einen guten Grund. Denn der Betriebsrat des Autozulieferers Saargummi sieht die Insolvenz als Chance, seinen Finanzinvestor und große Teile der Geschäftsführung loszuwerden.
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DÜSSELDORF. Ihr Unternehmen ist insolvent, doch die Mitarbeiter feiern. Mit einer ungewöhnlichen Erklärung hat der Betriebsrat des saarländischen Autozulieferers Saargummi auf den Insolvenzantrag der Geschäftsführung für die deutsche Gruppe reagiert. "Aus unserer Sicht ist die Insolvenz eine Chance", sagte Betriebsratschef Arno Dühr. "Der Betriebsrat geht davon aus, dass man hierdurch die Schuldigen der Misere, den Finanzinvestor Odewald & Compagnie sowie wesentliche Teile der Geschäftsführung, los wird."

Die Worte Dührs sind Ausdruck der Frustration, die die Mitarbeiter seit dem Einstieg des Finanzinvestor Ende 2007 aushalten mussten. 262 Mio. Euro bezahlte Odewald & Compagnie für den Automobilzulieferer - ein Preis, der von Experten als zu hoch eingestuft wird. Die Branchenkrise traf so Saargummi noch härter als die Konkurrenz. Die hohe Last der beim Kauf aufgebürdeten Schulden und die einbrechenden Aufträge trieben das Unternehmen an den Rand des Ruins.

Schon 2009 konnte Saargummi nur durch die Hilfe der Politik überleben. Das Saarland gewährte dem Unternehmen, das 2009 mit 3 300 Mitarbeitern rund 300 Mio. Euro umsetzte, eine Bürgschaft von 13,6 Mio. Euro. Zusätzlich erwarb die Saarland Bau und Boden für zwölf Mio. Euro das Grundstück, auf dem Saargummi steht.

Für die Mitarbeiter kam es unter der Führung von Odewald & Compagnie zu mehreren Einsparrunden. Hunderte Arbeitsplätze wurden gestrichen, die Belegschaft nahm für das Überleben ihres Unternehmens massive Einschnitte bei Lohn und Gehältern hin. Obwohl die Autobranche 2010 längst wieder angesprungen ist, verlangte das Unternehmen zuletzt erneut massive Einsparungen. Dabei geht es Saargummi operativ gut,

"Man konnte manchmal den Eindruck gewinnen, als sei der Niedergang gewollt", sagt die CDU-Landtagsabgeordnete Helma Kuhn-Theis. "Die Insolvenz ist wirklich nicht die schlechteste Lösung. Schlimmer wäre es, wenn dieser Investor und diese Geschäftsführung bleiben würden."

Odewald & Compagnie nannte als Grund für den Insolvenzantrag, die Automobilhersteller hätten einem "außerinsolvenzlichen Fortführungskonzept" nicht zugestimmt. Der Finanzinvestor selbst sei bereit gewesen, 20 Mio. Euro bereitzustellen.

Ob dies zutrifft, ist unklar. Vor drei Wochen sagte die von Odewald beauftragte Kommunikationsberatung Brunswick noch: "Die Liquidität ist auf jeden Fall bis ins Frühjahr hinein gesichert."

Sönke Iwersen
Sönke Iwersen
Handelsblatt / Leiter Investigative Recherche

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