Insolvenzverwalter
Insolvenz: Wenn der Notarzt zum Retter wird

In der Finanz- und Wirtschaftskrise stehen Insolvenzverwalter mehr denn je im Fokus. Viele fürchten sie als Totengräber, wenn Unternehmen vor dem Aus stehen. Doch die Verwalter verstehen sich eher als Notarzt, der Leben retten kann - wie Dirk Pfeils Notoperation bei einem Autozulieferer exemplarisch zeigt.

FRANKFURT. Dirk Pfeil hat schon Praxen von Ärzten und Zahnärzten geführt, sogar eine Herzklinik, Apotheken, Weingüter, Sonnen- und Fitnessstudios. "Am meisten begeistert es mich, wenn etwas produziert wird", sagt der etwa 1,70 Meter große Mann mit dem vollen weißen Haar, buschigen Brauen über den dunklen Augen und einer rahmenlosen Brille. In 33 Berufsjahren hat er Autoreifen hergestellt, Schokoladenhasen und Möbel. Mit am schönsten war für ihn die Produktion von Druckmaschinen und Betonpumpen.

Doch Dirk Pfeil ist kein klassischer Multiunternehmer, sondern Insolvenzverwalter, also jemand, dessen Arbeit erst beginnt, wenn ein Betrieb daniederliegt. Pfeil versteht sich aber nicht als der Sensenmann, als der er und seine Kollegen weithin gelten. Viel lieber sieht er sich als Notarzt, der für Unternehmen zum Lebensretter werden kann.

Diese Seite des Berufs liebt der 61-Jährige. Als Betriebswirt und gelernter Industriekaufmann ist er Exot in einer Branche, die zu mehr als 90 Prozent von Rechtsanwälten dominiert wird. "Bei Fortführungen sind wir Unternehmer", sagt Pfeil. Und deshalb muss er sich vor allem an den Bedürfnissen des Marktes orientieren. "Solange ein Unternehmen ein gutes Produkt anbietet, das andere haben wollen, versuche ich es zu retten." Genau das ist die Absicht der Insolvenzordnung. Wie ein Unternehmer haftet der Insolvenzverwalter persönlich für alle Zahlungsverpflichtungen und sogar für die Endprodukte.

Nicht jedes Unternehmen kann Pfeil freilich aus der Schieflage befreien, und viele Insolvenzanträge werden deutlich zu spät gestellt. "Das schmälert die Chancen auf eine Fortführung", sagt Daniel Bergner, Geschäftsführer des Verbands der Insolvenzverwalter Deutschlands (VID). Denn wie bei einem Herzinfarkt ist schnelle Hilfe wichtig. Bisweilen kann der Verwalter nur noch den Tod feststellen. Allerdings muss er dann im Unterschied zum Notarzt auch noch selbst den Leichenfledderer und den Totengräber machen.

In der öffentlichen Wahrnehmung erlebt Deutschland derzeit in Folge der Wirtschafts- und Finanzmarktkrise eine Pleitewelle. Insolvenzen sind laut VID-Geschäftsführer Bergner aber ein nachlaufender Indikator. Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Fälle, die Unternehmen betrifft, nur leicht gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Für 2009 erwartet die Wirtschaftsauskunftei Creditreform eine Zunahme um rund 15 Prozent auf bis zu 35 000. Der bisherige traurige Rekord von fast 40 000 Unternehmensinsolvenzen aus dem Jahr 2003 ist aber weit entfernt.

Dirk Pfeil rechnet nach Ostern mit einem deutlichen Anstieg und mit einem zweiten Höhepunkt zwischen Ende Juni und dem Beginn der Sommerferien. Das dicke Ende kommt also noch. Da Pfeil mit zusätzlicher Arbeit rechnet, will er möglicherweise wieder einen Fahrer einstellen, um unterwegs die Zeit besser nutzen zu können.

Dass es nach der Insolvenz weitergehen kann, zeigt das Beispiel eines metallverarbeitenden Betriebs aus Oberhessen, der auch Werkzeuge baut und hauptsächlich für die Automobilindustrie produziert. Als Dirk Pfeil im vergangenen Sommer eingeschaltet wurde, steckte das Unternehmen in existenzbedrohenden Schwierigkeiten: Der wichtigste Kunde hatte nach Auftragsverlusten seine Bestellungen schlagartig halbiert. Geschäftsführung und Betriebsrat konnten sich nicht auf den deshalb notwendigen raschen Stellenabbau einigen. Die Situation zwischen Management und Arbeitnehmervertretern ist so vertrackt, dass der Frankfurter Insolvenzverwalter laut werden muss. "Das ist kein Unternehmen, sondern eine geschlossene Heilanstalt", brüllt er auf einer Betriebsversammlung. Das wirkt. Nun hat Pfeil das Heft in der Hand.

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