Interview
„Wir haben erkannt, dass es falsch war“

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"Betriebswirtschaftliches Fortkommen war für ihn das oberste Ziel"

Hat Ihr Vater Harald Quandt mit Ihnen über seine Mutter und über Goebbels gesprochen?

Gabriele Quandt: Überhaupt nicht. Genauso wenig wie, glaube ich, die meisten Väter dieser Generation. Ich wusste, dass er im Krieg Fallschirmjäger gewesen war. Ich habe ihn gefragt: Was heißt das, Fallschirmjäger? Heißt das, du sitzt im Gebüsch und schießt Fallschirmspringer ab? Da hat er auch gesagt, dass er nicht darüber reden will.

Haben Sie mehr gefragt?

Gabriele Quandt: Nicht sehr viel. Ich war vierzehn, als mein Vater 1967 starb. Damals war man mit vierzehn noch ein ziemlich kleines Mädchen. Da fing das mit dem Fragen gerade erst an. Ich habe ihn aber mal gefragt: Hast du eigentlich so viele Kinder, weil Magda so viele Kinder umgebracht hat? Da bekam ich dann wieder mitgeteilt, dass über dieses Thema nicht gesprochen wird.

Ihr Vater war in den dreißiger Jahren das Vorzeigekind des „Dritten Reichs“ und auf vielen Bildern mit Goebbels und auch Hitler zu sehen. Welches Bild hatten Sie von ihm?

Gabriele Quandt: Er war unser Vater, der viel Quatsch mit uns gemacht hat, aber auch sehr streng sein konnte. Ein guter Kindervater. Ich habe ihn auch später nicht als Repräsentanten der Nazizeit gesehen, sondern eher als ein Opfer, dessen Mutter seine Geschwister und sich selbst umgebracht hat und der darunter gelitten hat. Das haben wir als Kinder schon gespürt.

Herr Quandt, wie war das bei Ihnen?

Stefan Quandt: Ich war sechzehn, als mein Vater 1982 starb. Auch er hat über die NS-Zeit nie gesprochen. Selbst meine Mutter sagt, dass er mit ihr darüber nie gesprochen hat.

Ihr Vater war bereits während der Kriegsjahre Personalvorstand der Batteriefirma AFA, die später in Varta umgetauft wurde. Scholtyseck hat nun herausgefunden, dass er sich persönlich um den Bau eines Barackenlagers für KZ-Häftlinge gekümmert hat. Es ging um ein neues Werk, das in Schlesien geplant war, aber dann doch nicht mehr gebaut werden konnte.

Stefan Quandt: Das wussten wir nicht. Ich wusste, dass er in seiner Funktion mit der Organisation der Zwangsarbeit befasst war. Das müssen wir als Familie akzeptieren. Ich wünschte, es wäre anders gewesen.

Scholtyseck urteilt, Ihr Vater habe als Mitglied der Unternehmensleitung „unmittelbare Verantwortung für das begangene Unrecht“. Akzeptieren Sie das?

Stefan Quandt: Seine Teilnahme am Unrechtssystem der Zwangsarbeit muss man wohl so einstufen. Auch wenn Professor Scholtyseck an anderer Stelle deutlich macht, dass man damals als Industrieller Zwangsarbeit nicht ablehnen konnte, schmerzt das.

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