Interview
Herrenknecht: „Ich schlage auch mal zu“

Martin Herrenknecht ist Vorstandschef der Herrenknecht AG, dem Weltmarktführer für Tunnelbohrmaschinen mit einem Jahresumsatz von rund einer Milliarde Euro. Im Interview mit dem Handelsblatt spricht er über politisches Engagement, trinkfeste Russen und persönliche Niederlagen - und er verrät sein Erfolgsgeheimnis.

Herr Dr. Herrenknecht, warum engagieren Sie sich seit Jahren mit der Wissensfabrik für Unternehmertum?

Es ist mir eine Herzensangelegenheit. Auch Unternehmer, und gerade die jungen, brauchen ein soziales Netz. Sie setzen auf volles Risiko - beruflich und privat. So eine Plattform wie den Wettbewerb von Weconomy und das Netzwerk der Wissensfabrik sind da mehr wert als jede Finanzspritze. Hier können sich Gründer mit ihresgleichen austauschen und erfahrene Unternehmer um Rat fragen. Mein Augenmerk liegt dabei natürlich besonders auf Technik. Wir brauchen in Deutschland wieder mehr Gründungen in diesem Bereich.

Was raten Sie den Gründern?

Wer Unternehmer sein will, braucht eine Vision, die er gezielt und risikobereit verfolgt, und er muss hart arbeiten können und wollen. Acht Stunden im Büro und dann um 16 Uhr Tennisspielen - das geht nicht. Das hat auch Auswirkungen auf das Privatleben. Das ist hart, aber es geht nicht anders. Meine Kinder haben in ihrer Kindheit und Jugend wenig von mir gehabt. Darüber waren Sie früher enttäuscht und haben mir das auch vorgeworfen. Jetzt, wo sie erwachsen sind und ihre eigenen Ziele verfolgen, verstehen sie das und unser Verhältnis ist viel besser.

Wurden Sie als Ratgeber auch schon einmal enttäuscht?

Ja. Im Jahr 2000 habe ich in Schwanau versucht, einen Technologiepark zu etablieren. Ich habe zehn Ingenieuren je 5000 Mark gegeben und - und das war der Fehler - keine Eigenbeteiligung verlangt. Nur Wagniskapital zu geben, reicht nicht. Ein Gründer muss eigenes Kapital einsetzen und damit auch das finanzielle Risiko mittragen. Der Technologiepark ist Geschichte.

 

Wie haben Sie selbst sich als Unternehmer durchgesetzt?

Ich habe mit 21 Jahren mein Ingenieurstudium abgeschlossen und dann erst international Erfahrungen gesammelt. Ich war vier Jahre in der Schweiz und zwei Jahre in Kanada und habe dort an Großprojekten mitgearbeitet. Dieses fachliche Wissen und die damals entstandenen Kontakte waren die Grundlage für meine Selbstständigkeit. Mein Startkapital von 25 000 Mark kam von meiner Mutter, mein Vater hat mir später die Miete für ein kleines Apartment gezahlt. Das war alles. Im ersten Jahr war dann vor allem Standfestigkeit gefragt. Es hat ein Jahr gedauert, bis ich meine erste Maschine verkauft habe.

Was hat Sie angetrieben?

Mein Traum war immer, eines Tages mal mehr Menschen zu beschäftigen als mein Vater. Der hatte eine Polsterei mit 15 Mitarbeitern. Der sozialen Verantwortung muss man sich aber auch schon als Jungunternehmer bewusst sein. Ich hatte selbst in den Anfangsjahren immer noch so viel Geld auf der hohen Kante, dass ich meinen Leuten noch drei Monate Gehalt hätte zahlen können. Heute beschäftige ich 3 700 Mitarbeiter weltweit.

Standen Sie schon einmal mit dem Rücken zur Wand?

An dem Tag als Boris Becker das erste Mal Wimbledon gewonnen hat, habe ich eine Niederlage einstecken müssen. Ich konnte eine Maschine nicht wie versprochen liefern und stand plötzlich ganz allein da. Der Geschäftspartner, der mich zu dem Auftrag überredet hatte, wusch seine Hände in Unschuld. Die Strafe musste ich alleine tragen. Das war hart, aber auch lehrreich. Solche Rückschläge treiben einen Unternehmer entweder in den Ruin oder machen ihn stark.

Sie gelten als Netzwerker. Ist das Ihr Erfolgsgeheimnis?

Ja, auch. Beziehungen sind sehr wichtig, vor allem politische. Ich habe als Mittelständler relativ früh die Chance bekommen, mit offiziellen Wirtschaftsdelegationen zu reisen. In vielen Ländern wie China oder Russland kriegen Sie nur so einen Fuß in die Tür. Meine erste Reise dieser Art machte ich 1986 mit dem damaligen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg Lothar Späth in die Türkei. Die persönliche Beziehung zu Lothar Späth hat sich danach gehalten und vertieft. Seit 1998 sitzt er dem Aufsichtsrat der Herrenknecht AG vor.

Was ist mit der Wissenschaft?

Das ist die zweite Säule. Der enge Draht zu Wissenschaftlern hat zwei positive Seiten. So sind wir erstens bei technologischen Entwicklungen von Anfang an mit dabei. Ein solches Zukunftsthema ist die Geothermie. Um die Forschung voranzutreiben und den Durchbruch zu schaffen, sponsere ich den Lehrstuhl für Geothermie in Karlsruhe. Das kostet rund 450000 Euro im Jahr. Zudem binde ich bei Großprojekten meist Wissenschaftler als Berater mit ein. Das ist auch häufig notwendig, da wir wie jetzt am Gotthard ins Dunkle bohren. Durch dieses Engagement in der Wissenschaft habe ich mir über die Jahre - und das ist die zweite positive Seite - eine Rückfallposition für schlechte Jahre aufgebaut. Die TU Braunschweig hat mir einen Ehrendoktor verliehen, und in Denver/Colorado habe ich eine Gastprofessor.

Wie hat Sie die Krise getroffen?

Weniger stark als andere. Wir haben noch keine Kurzarbeit und auch unseren Puffer, die 500 Leiharbeiter, noch nicht angetastet. Umsatzsprünge von 20 Prozent wie in den vergangenen Jahren sind aber nicht drin. Wir stellen auch nicht wie 2008 noch im großen Stil neue Mitarbeiter ein. Nur vereinzelt kommen neue Ingenieure und Verkäufer dazu. 2009 ist für uns ein Jahr der Stabilisierung. Mit unseren neuen Geschäftsfeldern Öl, Gas, Minengeschäft und Geothermie können wir die Krise bisher gut überbrücken.

Sie gehen gerne mit dem Kopf durch die Wand ...

Ich habe ein gutes Bauchgefühl und dem folge ich. Ich schlage im übertragenen Sinn auch mal zu und verletze mal jemanden. Der Erfolg gibt mir aber recht. Als Unternehmer darf man auch keine Scheu haben. Man muss immer dort sein, wo es kracht und vielleicht auch wehtut. Zurückhaltung und einen Mitarbeiter vorschicken geht nicht. Der Bauherr will den Chef sehen und sonst keinen und dann muss man hin, die Wogen glätten, diskutieren und für die eigene Sache und die eigenen Leute kämpfen.

Eine Karriere als Politiker war Ihnen nicht vergönnt. 2002 sind Sie in einer Kampfkandidatur gescheitert.

Ich war mit der Wirtschaftspolitik unseres CDU-Kandidaten im Kreis Ortenau nicht zufrieden und da ich nicht nur kritisieren wollte, bin ich selbst in die Bütt gestiegen. Ich hatte aber nur 18 Tage Zeit für den parteiinternen Wahlkampf. Am Ende hat es nicht gereicht. Aber immerhin 44 Prozent der 800 Delegierten haben mich gewählt. Ich hätte diesen Schritt in die Politik sehr gerne gemacht. Ob ich erfolgreich gewesen wäre, ist eine andere Frage. Wahrscheinlich hätte ich eine Heerschar an Anwälten beschäftigt, da sich wegen meiner direkten Art ständig irgendjemand beleidigt gefühlt hätte.

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