Interview
Jochen Schweizer: „Ich habe lange gebraucht, mein Talent zu entdecken“

Einst machte Jochen Schweizer das Bungeespringen in Deutschland populär. Heute ist der Heidelberger Active Chairman einer dreigliedrigen Gruppe. Im Interview spricht der Ex-Stuntman und Event-Unternehmer über angstfreies Töpfern, seine Ducati 900 und warum er manchmal ein Weichei ist.

Herr Schweizer, Sie sind bekannt geworden als Stuntman, Extrem-Kajakfahrer und Adrenalin-Unternehmer. Wie sind Sie heute morgen ins Büro gekommen? Mit dem Motorrad auf dem Hinterrad?

Ich bitte Sie, das habe ich zuletzt mit 20 gemacht. Und das ist ja nun 32 Jahre her. Da bin ich ganz gelassen. Es gibt ein Markenbild in der Öffentlichkeit. Das ist geprägt von meiner Vergangenheit als Extremsportler und Stuntman. Ich persönlich bin heute ein ziemlich normaler und intensiv arbeitender Geschäftsmann und Unternehmer. Heute morgen bin ich ganz unspektakulär mit dem Auto vorgefahren.

Sie stehen, da Ihr voller Name auch Ihr Firmenname ist, immer persönlich im Rampenlicht. Ist das eher Vor- oder Nachteil?

Das ist die Konsequenz der Personenmarke. Für mich ist die Marke Programm. Deshalb teste ich auch permanent die Erlebnisse, die wir unter dem Namen Jochen Schweizer anbieten. Ich glaube, es gibt schlimmere Jobs im Leben.

Aber bei negativen Ereignissen stehen Sie selbst in der Schusslinie. Als 2003 ein Bungeespringer auf einer Ihrer Anlagen ums Leben kam, konnten Sie sich nicht hinter einem neutralen Markennamen verstecken.

Das hätte ich auch nicht getan. Aber 2003 war sicher eine Zäsur in meinem Leben. Was da passiert ist, das wird mich mein ganzes Leben begleiten. Ich bedaure zutiefst, was damals passiert ist. Aber ich kann es nicht rückgängig machen. Ich mache das mit mir selber aus. Ich glaube es ist nicht zum Schaden eines Charakters, wenn es von einem Höhenflug einmal wieder ganz nach unten geht.

Wie hat sich Ihr Charakter geändert?

Ich habe gelernt, alles mit Gelassenheit zu nehmen: Sieg oder Niederlage, Erfolg oder Misserfolg. Die Tatsache, dass wir sehr erfolgreich sind, erfüllt mich nicht mit Euphorie. Sicher, ich habe hart dafür gearbeitet, auch gekämpft; ich bin damals stehen geblieben, ich bin nicht umgefallen in dieser schweren Zeit. Aber ob meine Firma heute 40 Millionen Euro Umsatz macht oder 400 Millionen ändert nichts an meinem Leben.

Was treibt Sie an, wenn nicht unternehmerischer Erfolg?

Ich glaube an die Gesetze des Dharma: Eines der Gesetze heißt, dass jeder auf der Welt ist, um sein ureigenes Talent zu entdecken und zu entwickeln. Ich habe sehr lange gebraucht, um mein Talent zu identifizieren. Und es ist weiß Gott nicht die Frage: ,Wie hoch kann ich springen?? Oder: ,Wie schwer kann der Fluss sein, den ich runtergepeitscht werde?? Ich habe herausgefunden: Mein Talent war es immer, Menschen dazu zu bringen, Dinge zu tun, die sie nicht getan hätten, wenn sie mir nicht begegnet wären.

Sie beschäftigen sich mit Buddhismus und Zen. Warum landen adrenalinverrückte Extremsportler wie Sie immer wieder bei fernöstlichen Philosophien?

Weil sie an Grenzen stoßen, die eigene Angst überwinden müssen. Es geht um die Frage: Wie weit kann ich gehen, wie weit kann ich das Extreme kontrollieren? Mein Leben steht möglicherweise auf dem Spiel. Es geht dabei gar nicht um Adrenalin, sondern mehr um Endorphin: Was macht Menschen glücklich? Und sie kommen als Extremsportler irgendwann an den Punkt, wo es persönlich nicht mehr weitergeht. Irgendwann kommt man zu der Erkenntnis, dass eine noch höhere Klippe nicht auch mehr Glück bedeutet.

Und was ist heute Ihr Glücksrezept?

Der Dalai Lama hat mal gesagt: Widme dich der Liebe und dem Kochen mit unbekümmerter Selbstvergessenheit. Wenn ich koche, dann koche ich selbstvergessen, und wenn ich paddle, dann paddle ich selbstvergessen. Wenn ich liebe, dann liebe ich selbstvergessen. Ich weiß, was mich glücklich macht, aber was Menschen individuell glücklich macht, kann ich nicht sagen. Nicht jeder, der vom Bungeekran springt, ist nachher glücklich.

Glauben Sie nicht, dass der Adrenalinbedarf der Menschen bei den heutigen Wirtschaftsnachrichten gedeckt ist?

Das ist ja negativer Stress. Ein Fallschirmsprung, ein Segelflug oder ein Bungee-sprung, das sind, wenn überhaupt, positive Stresssituationen. Ich setze mich bewusst meiner Angst aus, überwinde sie. Daraus gewinne ich sehr viel Gelassenheit für einen Alltag, der mir oft nicht die Antwort auf die Frage gibt, ob die Entscheidung richtig oder falsch war, die ich getroffen habe. Beim Sport bekomme ich die Antwort sofort.

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