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Interview mit dem Rimowa-Chef: D. Morszeck: „Ich habe schon tausend Ohrfeigen kassiert“"

Sein Großvater gründet vor 111 Jahren die Kofferfabrik Paul Morszeck. Der Vater benennt das Unternehmen später in „Richard Morszeck Warenzeichen“, kurz Rimowa um und entwickelt den ersten Koffer aus geriffeltem Aluminium. Seit 1981 leitet Dieter Morszeck erfolgreich die Geschicke des Familienbetriebs. Im Interview spricht der Kölner über Plagiate aus Asien und Product Placement in Hollywoodfilmen.

Dieter Morszeck: "Meine Philosophie ist es, bei der Arbeit Spaß zu haben." Quelle: Oliver Schmauch
Dieter Morszeck: "Meine Philosophie ist es, bei der Arbeit Spaß zu haben." Quelle: Oliver Schmauch

Herr Morszeck, Sie tragen gern rote Krawatten. Lässt das, kurz vor der Wahl, auf politische Vorlieben schließen?

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Nein, ich bin kein großer Krawattenfan, ich laufe lieber ohne durch die Gegend. Aber wenn ich eine anziehe, dann eine rote. Rot ist einfach meine bevorzugte Krawattenfarbe, das hat nichts mit Politik zu tun, ganz und gar nicht. Politiker interessieren sich nicht für uns Mittelständler.

Warum nicht?

Es gibt nicht viele Politiker - mit Ausnahme vom noch amtierenden Kölner Oberbürgermeister Fritz Schramma, die zu mir kommen und sagen: "Wir sind stolz, dass Rimowa ein Kölner Unternehmen ist und ihr die Krise gut meistert." Mittelständische Unternehmen bekommen in wirtschaftlich schwierigen Zeiten genauso wenig Aufmerksamkeit wie sonst auch. Einen Rezessionsbonus gibt es nicht. Das ist schade.

Ärgern Sie sich, dass der Staat Opel mit Milliarden unterstützt?

Ich weiß nur, dass er uns nicht helfen würde, wenn wir im Notfall nach dem Staat riefen. Wir müssten mit unseren rund 650 Mitarbeitern alleine zurechtkommen. Viele mittelständische Unternehmen stecken momentan in der Kreditklemme, weil die Banken die Hand auf dem Geld halten, statt die Wirtschaft mit Kapital zu versorgen.

Inwieweit spüren Sie die aktuelle Krise?

Es gibt Märkte, wie zum Beispiel Japan, die rückläufig sind, aber dafür läuft das Geschäft in Hongkong sehr gut, da viele Südchinesen hier einkaufen aufgrund der Preise. Früher waren wir abhängig von Japan, heute ist es immer noch unser größter Exportmarkt, aber wir sind auch in den USA stark. Das stellt uns insgesamt auf eine breitere Basis - unterm Strich haben wir momentan ein leichtes Plus.

Haben Sie überhaupt schon einmal richtig schlechte Zeiten erlebt?

Nach dem 11. September 2001. Die Terroranschläge auf das World Trade Center haben die ganze Reisebranche voll erwischt. Wir mussten einen Großteil der Leiharbeiter innerhalb von zwei Wochen freistellen, aber aus der Stammbelegschaft wurde niemand entlassen.

Sie beschäftigen seit 1996 im Kölner Werk Leiharbeiter.

Wir haben früher viele Arbeitslose eingestellt und damit leider schlechte Erfahrungen gemacht. In den 80er-Jahren hatten wir über zehn Prozent Lohnfortzahlung, weil sich die Leute oft krank gemeldet haben. Seitdem wir mit Leiharbeitern zusammenarbeiten, haben wir mit dem Thema keine Probleme mehr. Und wir sind viel flexibler. Viele Leiharbeiter werden bei uns auch später zu Festangestellten.

Ihr Großvater hat die Fabrik 1898 gegründet, ihr Vater baute 1950 den ersten Koffer aus geriffeltem Aluminium. 1972 kamen Sie - wie waren die ersten Jahre?

Ich bin als junger Mann mit 19 Jahren direkt nach Abitur und Wehrdienst eingestiegen. Das war nicht leicht, weil ich kritisch beäugt wurde. Die Mitarbeiter haben sich gefragt: Ist das nur der Sohn, der alles geschenkt bekommt, oder leistet der auch was - tut er was für uns und die Firma?

Wie haben Sie die Zweifel beseitigt?

Ich habe immer gerne und viel fotografiert. Anfang der 70er-Jahre habe ich für meine Kamera einen kleinen Koffer gebaut. Der Fotokoffer verkaufte sich sehr gut. Danach war es für mich leichter, und ich hatte in der Firma ein gutes Standing.

Woher konnten Sie Koffer bauen?

Ich war schon immer ein Typ, der sich einfach daneben gestellt und zugeschaut hat. Danach habe ich es dann selbst probiert. Ich gebe nicht auf, bis es klappt und ich zufrieden bin. Bei dem Fotokoffer habe ich zwei Jahre gebraucht, um ihn wasserdicht zu bekommen. Ich habe immer wieder den Gartenschlauch draufgehalten und war jedes Mal enttäuscht, wenn der Koffer voller Wasser war. Die Lösung waren eine Kunststoffwanne und eine Moosgummiplatte im Deckel. Ich habe mich nächtelang mit dieser Entwicklung beschäftigt.

Sie haben sich also über die Technik im Unternehmen etabliert?

Ja, richtig. Technik hat mich schon als kleiner Junge fasziniert. Ich hatte früher eine Modelleisenbahn, und mein Vater hat sich jedes Mal gewundert, warum ich die Anlage Woche für Woche ab- und wieder aufgebaut habe. Ich bin auch häufig zu einer Brücke an der Eisenbahnstrecke von Köln nach Aachen gegangen, und immer wenn der Zug mit der Dampflok kam, stand ich von jetzt auf gleich im Nebel - da lief es mir eiskalt den Rücken runter.

Das weltweit patentierte Rollensystem von Rimowa geht auf Sie zurück, oder?

Ja, aber es ist nicht so, dass ich da plötzlich einen Geistesblitz hatte. Ich teile häufig erste, ganz einfache Gedanken mit meinem Entwicklungsteam. Wer kreativ sein will, muss nach links und rechts gucken. Für das Rollensystem habe ich mir am Wochenende aus Holz ein kleines Gehäuse gebaut, im Baumarkt Bürostuhlrollen gekauft und das Ganze montiert. Das Konstrukt habe ich dann am Montag den Kollegen gezeigt, und wir haben gemeinsam nach der besten Lösung gesucht. Vieles entsteht durch Brainstorming. Dafür brauche ich Mitarbeiter, die ein Gespür für Material, Produkt und Umsetzung haben.

Waren Sie schon immer kreativ?

Ich war 1973 das erste Mal sechs Wochen in den USA. Auf dem Weg zum Yosemite-Nationalpark - ich werde das nie vergessen - überholte mich auf dem Highway eine Badewanne. Da hatte einer einen Motor eingebaut und vier Räder angeschraubt. Ich habe mich gefragt: Sollst du jetzt laut lachen oder ernsthaft über eine fahrende Badewanne nachdenken? Ich entschied mich für Letzteres - der Mann war einfach kreativ. Auf dieser Reise habe ich mir viele Unternehmen angeguckt und eine Menge über die USA, aber auch über Deutschland gelernt: Man sieht die Dinge im Ausland aus anderen Blickwinkeln.

Wie haben Sie als Tüftler den Weg ins Management gefunden?

Als ich in die Firma einstieg, zählte mein Vater die Aufträge noch per Hand zusammen - die Datenverarbeitung verlief manuell. Ich führte Computer und die neue Datenverarbeitung ein. Die Programme wurden von einem Fachmann geschrieben. Mit dem Aufkommen der ersten PC-Netzwerke habe ich die gesamte Software mit Ausnahme der Lohnbuchhaltung und Finanzbuchhaltung selber geschrieben. Wir haben noch heute in etwa das gleiche System, kein SAP. So bin ich auf die kaufmännische Schiene gekommen. Auch das habe ich vorher nicht gelernt, sondern mir selber beigebracht und gesagt: Du musst das jetzt schaffen. Dabei habe ich schon tausend Ohrfeigen kassiert, aber ich bin aus hartem Holz; so schnell haut mich nichts um.

Ihr Sohn ist 25 - bleibt Rimowa auch in der vierten Generation in Familienhand?

Die Chancen stehen gut. Mein Sohn tendiert ins Kaufmännische und schreibt gerade seine Diplomarbeit. Er wird dann anschließend in die Firma einsteigen.

Könnten Sie sich vorstellen, das Unternehmen in fremde Hände zu geben?

Nein. Wir haben keine Beteiligungsgesellschaften im Hintergrund, wir sind vollkommen frei. Das ist ein Riesenvorteil. Andere Mittelständler sind ausgepresst worden wie eine Zitrone, es ging nur um Geld. Das soll uns nicht passieren. Wir gehen auch nicht an die Börse oder übernehmen Wettbewerber. Wir haben jahrelang alles, was wir verdient haben, in das organische Wachstum gesteckt. Ende 2008 haben wir ein Werk in Kanada aufgebaut. Wir können von dort problemlos die West- und Ostküste der USA beliefern. Wir hatten in Amerika im ersten Halbjahr 2009 ein Plus von acht Prozent. Wir stehen dort vor dem Durchbruch.

Was genau meinen Sie damit?

Ein Ziel, das heißt die Größe unseres zukünftigen Marktanteils, lässt sich nicht so einfach definieren. Die Japaner zum Beispiel hofieren "made in Europe", "made in Germany" besonders. Der amerikanische Markt dagegen ist groß und schwierig, dort herrscht harter Wettbewerb. Viele Hersteller kaufen im Ausland zu - zwischen 80 und 90 Prozent des angebotenen Reisegepäcks sind Billigimporte aus Asien. Wir haben lange kämpfen müssen, aber nun sind wir in einer guten Position.

Wie schützen Sie denn Ihre Patente und Ihre Marke vor Plagiaten aus Asien?

In jedem Land gibt es eine andere Rechtsprechung, und wir müssen gesondert vorgehen. Das kostet eine Menge Geld. Wir können Plagiate nicht zu 100 Prozent vermeiden, aber wir tun, was wir können. Wenn es uns in erster Linie darum ginge, kurzfristig Kosten zu sparen, könnten wir unsere Koffer auch in China fertigen lassen. Aber dann verschenken wir unser ganzes Know-how, nach einem Jahr geht die Rechnung nicht mehr auf. Das ist einseitiger Technologietransfer ohne Honorar. Zahlreiche Kopien belegen aber auch die Beliebtheit unseres Produkts.

Sie haben in den 90ern mit den Polycarbonat-Koffern angefangen und den Umsatz in zehn Jahren von 15 auf 85 Millionen Euro gesteigert. Wie kam es dazu?

Ich habe damals regelmäßig einen unserer Lieferanten besucht. Der Chef ist wie ich ein Tüftler und hat immer etwas Neues. Eines Tages lag auf seinem Tisch ein Straßenlaternengehäuse aus Polycarbonat. Er gab mir einen Hammer und sagte: "Hier, versuch mal, das Ding kaputt zu bekommen." Also habe ich draufgehauen, aber nichts passierte. Ich war begeistert. 1997 habe ich die ersten 15 Kilo Polycarbonat bestellt. Das ist fast unzerstörbar. Man kann auf Polycarbonat aus drei Zentimetern mit einer Magnum schießen, die Kugel bleibt stecken. Mir war klar: Das ist wie ein Royal Flush beim Poker.

Die Investition war aber riskant, oder?

Ja, wir haben unser ganzes Geld auf den Tisch gelegt: für Spezialmaschinen, für eine neue Produktionsstätte in Tschechien. Aber, wenn ich mit dem Flugzeug auf der Startbahn stehe, dann muss ich vollen Schub geben, um nach oben zu kommen - sonst wird das nichts. Anfang 2000 haben wir den Polycarbonat-Koffer auf der Offenbacher Ledermesse präsentiert und eine Einkäuferin aus Frankfurt sagte: "Sie, Herr Morszeck, de Koffer sieht aus wie a geteert Strass, den kann isch net verkaufe." Es gab allerdings auch viele Leute, die uns eine Revolution des Marktes prophezeiten. Ende der 90er-Jahre wurde allgemein der Tod des Hartschalenkoffers verkündet - mit Polycarbonat haben wir den Toten wiederbelebt.

Sie sagen, sie konzentrieren sich zu 99 Prozent aufs Kerngeschäft. Worauf verwenden Sie das verbleibende Prozent?

Für die Firma ist es wichtig, auch mal andere Wege zu gehen. Oft wird gesagt "geht nicht, haben wir noch nie gemacht" - es geht aber meist doch. Wir haben mit Hans Kürten einen Mann für Spezialanfertigungen. Er hat zum Beispiel für das Kinderhilfswerk Unicef einen Aluminiumkoffer in Herzform gebaut und für den berühmten Violinisten David Garrett einen Koffer für seine Stradivari.

Sie setzen auch nicht auf herkömmliche Werbung, sondern auf Product Placement in Hollywood-Filmen. Was war die größte Rolle eines Ihrer Stars?

Das war "Stirb langsam 4.0" mit Bruce Willis. Ich freue mich aber jedes Mal, wenn ich einen unserer Koffer in einem Spielfilm oder auch auf dem Gepäckband am Flughafen sehe. Das ist eine Mischung aus Glücksgefühl und Stolz - auch Respekt, für das, was wir geschafft haben.

Sie bezeichnen Rimowa als urkölsches Unternehmen. Was machen Sie anders?

Meine Philosophie ist es, bei der Arbeit Spaß zu haben, und das versuche ich auf meine Mitarbeiter zu übertragen. Das heißt nicht, dass wir nur auf den Tischen tanzen, aber wir haben ein super Team, das wir auch belohnen. Wir feiern jedes Jahr einen Karneval mit 1500 Gästen und Kölsch für einen Euro. Einfach aus Spaß an der Freud, wie man in Köln sagt.

Sie sponsern auch den 1. FC Köln - freuen Sie sich über Podolskis Heimkehr?

Ja, ich war auch bei dem Spiel "Poldi kütt noh Hus". Der FC ist und bleibt etwas Besonderes. Als die Mannschaft in der zweiten Liga spielte, kamen 50 000 Zuschauer ins Stadion - wo gibt es denn so was? Wir statten zudem die Nationalmannschaft aus und hatten auch schon von anderen Vereinen Anfragen, zum Beispiel von Bayern München. Die haben wir aber abgelehnt. Ich statte nur den FC aus, weil ich eben 'ne Kölsche Jung bin.

Und wann muss Hans Kürten einen Koffer für die Meisterschale bauen?

Da müssen wir uns noch etwas gedulden.

Das Interview führte Kirsten Ludowig.

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