Interview mit Uli Hoeneß
„Ich bin die Lokomotive“

Was Uli Hoeneß anfasst, gelingt. Sei es beim FC Bayern, den er in 30 Jahren in der Weltspitze etablierte oder in seiner Wurstfabrik. Doch auch dem besten Manager sind manchmal die Hände gebunden, verrät er im Interview.

In der Allianz-Arena, der Heimspielstätte des FC Bayern München, lassen sich die beiden Welten besichtigen, in denen sich Uli Hoeneß bewegt: die Welt des wirtschaftlich wie sportlich erfolgreichsten deutschen Fußballvereins und die des guten deutschen Mittelstands. Unter dem Dach der Haupttribüne hat Hoeneß, der Vereins-Präsident und Vater des Erfolgs, wie ein x-beliebiger Unternehmer eine der 106 Arena-Logen gemietet, in der er Gäste seiner Nürnberger Wurstfabrik Howe empfängt und bewirtet. Die Loge ist eingerichtet, als wäre es Hoeneß' Wohnzimmer: barock, heimatverbunden, bodenständig. Doch tritt der Besucher aus dieser typisch bayerischen Bauernstube heraus, befindet er sich in der glitzernden Welt des internationalen Sports. Von weißen Ledersesseln auf kühlem Beton und von oben herab können die Ehrengäste das Spiel und damit die Arbeit von Hoeneß' kickenden Angestellten verfolgen.

Fußball und Fabrik, Schnürschuhe und Schafseitlinge, Schweiß und Show - all das symbolisiert seine Karriere und seine Persönlichkeit.

Handelsblatt: Herr Hoeneß, führt man einen Fußball-Konzern anders als eine Wurstfabrik?

Uli Hoeneß: Ja, absolut. In einer Fabrik hat man einen direkteren Zugriff auf alles. Wenn du durch deine Werksräume gehst und einen Fehler siehst, kannst du dem Vorarbeiter sagen: Das muss jetzt geändert werden. Wohingegen, wenn ein Spiel angepfiffen worden ist, hat der Geschäftsführer keinerlei Einfluss mehr. Das ist der ganz große Unterschied. Ab einem gewissen Zeitpunkt bist du genauso Zuschauer wie die auf den Rängen, in den Logen oder zuhause vor dem Fernseher. Da sind dir Hände und Füße gebunden.

Handelsblatt: Stellen Sie sich folgende Situation vor ... Letztes Bundesligaspiel im Mai 2012, Köln gegen Bayern München, es steht 1:1, Ihre Mannschaft muss gewinnen, sonst ist die Qualifikation für die Champions League dahin. Es fällt ein Tor für Bayern in der 90. Minute, der Schiedsrichter gibt es nicht wegen vermeintlichen Abseits. Fehlentscheidung. Wie fühlen Sie sich in so einem Moment? Sie wissen genau, 20 Millionen Euro sind jetzt weg ...

Hoeneß: Wer im Fußball beschäftigt ist, muss sich im Klaren darüber sein, dass das passieren kann. Das ist Teil des Geschäfts, auch der Reiz des Geschäfts. Bei meiner Wurstfabrik ist das anders. Da hängt das Wohl und Wehe nicht von einem Tag ab. Da muss man das ganze Jahr gute Würste liefern, muss mit seinen Kunden gut umgehen und das Produkt immer wieder verbessern. Da kommt es nicht unbedingt auf den letzten Tag, die letzte Sekunde an.

Handelsblatt: Aber macht Sie das als Kaufmann nicht wahnsinnig, abhängig zu sein von Entscheidungen Dritter, also etwa den Schiedsrichtern?

Hoeneß: Was Schiedsrichterentscheidungen angeht, da habe ich immer die These vertreten, dass die sich in einem Jahr immer wieder ausgleichen. In einer Saison gibt es drei Fehlentscheidungen gegen dich und drei für dich. Und insgesamt finde ich, wenn du am letzten Spieltag in der 90. Minuten noch von einer Schiedsrichterentscheidung abhängig bist, dann hast du selbst schon vorher Fehler gemacht.

Handelsblatt: Was empfinden Sie in solchen Situationen?

Hoeneß: Ich empfinde Ohnmacht. Es ist schrecklich. Man ist hilflos. Da hockst du und meinst, das könnte man vielleicht so und so machen. Aber du kannst nichts machen. Das ist der Vorteil, wenn du selber Spieler bist. Da kannst du vielleicht noch einen Schritt mehr laufen, noch einmal zum Kopfball hochgehen, einen auf die Aschenbahn hauen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%