Interview
„Negativtrend im Handwerk gebrochen“

Otto Kentzler, Prädident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, sprach im Interview mit der Wirtschaftswoche über Aufschwung und Förderprogramme.
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Wirtschaftswoche: Herr Kentzler, die Wirtschaft wächst 2006 voraussichtlich um 2,3 Prozent - so stark wie seit sechs Jahren nicht mehr. Wie entwickelt sich das Handwerk?

Kentzler: Es geht endlich wieder aufwärts. Sieben Jahre haben wir gelitten, 1,5 Millionen Arbeitsplätze verloren. Für 2006 prognostizieren wir die Halbierung der Jobverluste auf ungefähr 60 000. Ich persönlich hoffe jedoch, dass wir unter dem Strich nur noch 20 000 Stellen verlieren. Denn seit einigen Monaten beginnen die Betriebe, wieder einzustellen. Auch der Umsatz wächst erstmals seit fünf Jahren. In diesem Jahr rechnen wir mit einem Plus von einem Prozent.

Strohfeuer oder Trendwende?

Zumindest haben wir den Negativtrend gebrochen. Ich erhalte aus den verschiedenen Gewerken Hinweise, dass sich die Auftragslage und die Stimmung bessern. Nicht nur am Bau. Das stimmt mich optimistisch. Aber gerade um diese Entwicklung zu stabilisieren, brauchen wir jetzt eine verlässliche Umsetzung der angekündigten Reformen.

Verdankt das Handwerk den positiven Trend nicht zu einem guten Teil der Steuerbegünstigung, die Mietern und Eigentümern seit Anfang 2006 gewährt wird, wenn sie ihre Wohnung von Handwerkern modernisieren und renovieren lassen?

Dieser Steuerbonus ist ein großartiger Erfolg, auch wenn die Bürger dabei nur maximal 600 Euro von der Einkommensteuer erstattet bekommen. Psychologisch trifft der Steuerbonus aber offenbar den Nerv der Bevölkerung: Steuern spart jeder gerne. Und die von der KfW Bankengruppe bereitgestellten Mittel zum Gebäudesanierungsprogramm werden intensiv in Anspruch genommen. Die Wirkung ist so durchschlagend, dass unsere Handwerker schon Probleme bei der Materialbeschaffung haben.

Dann wird das Handwerk nicht unter der Erhöhung der Mehrwertsteuer leiden?

Wir befürchten dennoch einen Dämpfer. Deshalb appelliere ich an die Bundesregierung, die beiden bewährten Programme zu nutzen, um den Aufschwung zu verstetigen. Die Absetzbarkeit von Handwerksleistungen in Privathaushalten sollte angepasst werden, von 20 auf 25 Prozent bei Investitionen bis zu 4 000 Euro. Und beim Gebäudesanierungsprogramm verspreche ich mir viel, wenn die Regierung einen Zuschuss gewährt. Das brauchen nach aller Erfahrung nur symbolische Beträge zu sein, aber sie öffnen auf wundersame Weise pralle Taschen bei den Kunden.

Die große Koalition berät über Kombilöhne und öffentlich finanzierte Beschäftigung, um die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen.

Damit verdrängen die Politiker nur wieder reguläre Arbeitskräfte. Beim Kombilohn sehe ich zudem die Gefahr teurer Mitnahmeeffekte. So schaffen wir keine dauerhaften zusätzlichen Arbeitsplätze. Richtig wäre aber, den finanziellen Druck auf diejenigen zu erhöhen, die angebotene Arbeit ablehnen.

Gibt es 2006 genug Lehrstellen?

Die Wirtschaft hat ihre Zusagen aus dem Ausbildungspakt übererfüllt. Die Ausbildungslücke schließt sich immer mehr. Ich rechne damit, dass bis Ende 2006 nur noch 12 000 Jugendliche ohne Lehrvertrag übrig bleiben. Und die sind von ihrer Qualifikation her schwieriger zu vermitteln. Da müssen Schulen und Gesellschaft ansetzen.

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