Interview
„Wir Mittelständler werden veralbert“

Ernst Prost ist Chef des Motorölherstellers Liqui Moly. Dass die Bundesregierung dem Autobauer Opel mit Staatsgeld hilft, hält er für einen Fehler. Im Interview erklärt Prost, warum er sich von der Regierung veralbert fühlt, wieso er sich für Porsche-Chef Wiedeking schämt – und weshalb der Staat Unternehmen wie Arcandor besser untergehen lassen sollte.

Herr Prost, Sie kritisieren, dass Politiker vor Großkonzernen den Diener machen und sich um den Mittelstand nicht scheren. Jetzt wird die Bundesregierung wohl den Autobauer Opel mit Milliarden helfen. Sehen Sie sich jetzt bestätigt?

Ja, und es ist dummes Zeug, wenn sich die Politik in jedes wirtschaftliche Sterben einmischt. Wirtschaft bedeutet eben auch, dass ein Unternehmen marode sein und kaputt gehen kann - und muss, um Platz zu schaffen für Neues. Die Politiker im Wahljahr 2009 mögen sich vielleicht gerne als Retter von Arbeitsplätzen sehen, aber es kann nicht sein, dass kleine wie große Unternehmen gerettet werden, die schon lange vor dieser Wirtschaftskrise Probleme hatten. Und da gehört Opel auch dazu. Im gleichen Moment, in dem Politiker versuchen, Opel zu retten, gehen Tausende von Arbeitsplätzen im Mittelstand kaputt. Aber da kräht kein Hahn nach, weil sich das populistisch nicht ausnutzen lässt.

Klingt so, als ob Sie sich verschaukelt fühlen, oder?

Ja, aber das ist nichts Neues. Wir Mittelständler werden schon seit zwanzig Jahren veralbert. Wir befinden uns in einer undankbaren Situation. Das war schon bei Altkanzler Gerhard Schröder während der Holzmann-Krise nicht anders. Wenn man sich heute ansieht, wie die Politik Milliarden unter angeblich notleidende Firmen verteilt, muss man sich am Ende die Frage stellen, wer die Zechen zahlen wird. Die Antwort liegt auf der Hand. Die Zeche werden die Steuerzahler zahlen. Diese Wahlgeschenke, die heute in kaputte Unternehmen und Wirtschaftsstrukturen hineingepumpt werden, müssen morgen bezahlt werden.

Die Begründung für Staatshilfe lautet stets: Es stehen viele Arbeitsplätze auf dem Spiel. Kein gutes Argument?

Das ist doch Unsinn. Arbeitsplätze, die bei einem Unternehmen verloren gehen, weil der Betrieb heruntergewirtschaftet wurde, sind doch nicht einfach weg. Die Stellen werden bei einem anderen Unternehmen gebraucht. Im Markt verschwindet doch nicht einfach der Bedarf, nur weil ein Betrieb fehlt, der diesen gedeckt hat. Wenn es Karstadt nicht mehr geben sollte, dann kaufen dessen ehemalige Kunden eben in einem anderen Geschäft ein. Dort werden dann wieder neue, zusätzliche Arbeitsplätze etwa im Verkauf geschaffen. Was marode ist, kann nicht ewig mit Steuergeldern am Leben erhalten werden. Wo bleibt da die Gerechtigkeit? Und viel wichtiger: Wo bleibt der Anreiz für die guten Unternehmen? Wenn Unternehmen wie Arcandor, die jahrelang Misswirtschaft betrieben haben, nun mit dem Erhalt von Arbeitsplätzen nach Staatsgeld rufen, dann ist das ein erpresserisches Argument.

Ist die Opel-Rettung für Sie als Mittelständler ein schlechtes Zeichen?

Natürlich. Es kann nicht sein, dass der Staat Überproduktion finanziert. Und auf etwas anderes läuft diese Rettung nicht hinaus. In der Automobilindustrie ist auf Teufel komm raus produziert worden, als ob es keine Absatzbeschränkungen gegeben hätte. Man hat sich hohe Gewinne ausbezahlen lassen und ein kommodes Leben geführt. Jetzt steht die Branche mit vollen Halden da und schreit nach dem Staat. Das ist, mit Verlaub gesagt, das Allerletzte. Egal ob Opel oder Schaeffler, dafür habe ich null Verständnis.

Die Politik sollte also den Markt schalten und walten lassen?

Ja, die Politik sollte dem Markt freie Hand lassen, aber gleichzeitig mehr Kontrolle ausüben. Die laschen Kontrollen im Bankensystem haben zu einem Raubtierkapitalismus geführt. Wenn Moral, Anstand und Ehre versagen, wenn sowohl die Aufsichtsräte wie auch die Gewerkschaften nicht dazu in der Lage sind, Krisen wie diese zu verhindern, dann muss der Staat mit schärferen Kontrollen eingreifen. Der Staat muss die soziale Marktwirtschaft, die so viel Wohlstand und Frieden gebracht hat, vor Missbrauch schützen. Wir brauchen mehr Transparenz und Kontrolle. Und der Staat muss aufhören, sich überall einzumischen und den Retter spielen zu wollen. Stattdessen sollte der Staat lieber die Steuern senken, damit mehr Geld für Konsum und Investitionen übrig bleibt. Also: Mehr Kontrolle, aber weniger Staat.

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