Kampf um Talente
Problem Provinz

Mit Kunst, Kultur und Kinderbetreuung wollen Familienunternehmen Fachkräfte in der Provinz halten. Vom Engagement der Mittelständler profitiert die ganze Region. Für die Unternehmen muss das nicht immer teuer sein.

KÖLN. In Putbus auf Rügen saniert ein Softwareunternehmer das ehemalige Fürstliche Pädagogium, um dort ein IT-College einzurichten. In Loxstedt im Landkreis Cuxhaven bildet eine Personalberaterin Tagesmütter aus, weil sie für sich und ihre Mitarbeiterinnen den Nachwuchs gut betreut wissen will. Im ostwestfälischen Lüdge rollen jeden 1. Osterabend brennende Räder ins Tal. Ein Bauunternehmer fördert das Brauchtum. Er will vor Ort den Tourismus ankurbeln.

„Schon immer haben sich Familienunternehmer für ihre Region stark gemacht“, urteilt Peter May, Gründer der Intes Akademie für Familienunternehmen in Bonn. Die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung gehört für sie zum guten Ton. 96 Prozent aller Unternehmen mit mehr als 20 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz ab einer Million Euro engagieren sich gesellschaftlich, rechnete das Centrum für Corporate Citizenship Deutschland (CCCD) in einer Studie im Jahr 2006 vor.

Doch das Engagement entfaltet eine neue Dimension. Jugendliche und gut ausgebildete Fachkräfte kehren der Provinz immer häufiger den Rücken. Dort sitzen jedoch traditionell viele Familienunternehmen. „Sie sehen sich zunehmend in strukturschwachen Regionen unter Druck, die klaffenden Lücken in der Infrastruktur zu schließen“, urteilt Birgit Riess, Leiterin der Corporate Social Responsibilty-Initiative bei der Bertelsmann-Stiftung.

Jobst Wagner, Präsident der Rehau-Gruppe, einem Polymer-Verarbeiter und Zulieferer der Automobilindustrie mit 15 000 Mitarbeitern an 170 Standorten weltweit, hat seinen Firmensitz mitten im ehemaligen Zonenrandgebiet in der 10 000-Seelengemeinde Rehau. Die nächste größere Stadt ist Hof. Nach der Wende zählte sie 60 000 Einwohner, heute sind es 50 000. Wagner weiß, dass er vor allem Jungmanagern und Nachwuchsingenieuren ein kulturell attraktives Umfeld bieten muss, damit sie in der idyllischen Landschaft zwischen Fichtelgebirge und Frankenwald nicht das Gefühl bekommen, den Anschluss zu verlieren.

„Manager und Fachkräfte mittleren Alters freuen sich über die attraktiven Immobilenpreise hier und die Natur, die sie mit ihrer Familie genießen können, aber gerade Jüngere legen Wert auf ein anspruchsvolles Kulturprogramm“, weiß Malte Klindt, Personalleiter Mitteleuropa bei Rehau. Und so investiert Rehau-Chef Wagner am Firmenstandort in Kunstausstellungen, die international Aufsehen erregen, fördert die Hofer Symphoniker und die Theaterszene. Daneben lässt er Welcome Aboard-Abende organisieren, auf denen Neuankömmlinge in der Region mit den hochfränkischen Highlights vertraut gemacht werden – von der Hofer Rindfleischwurst, die schon Feinkost Käfer ins Programm nahm bis zum Badesee-Geheimtipp.

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