Karriere
Ganz großes Kino

Tobias Bauckhage und Jon Handschin sind echte Filmfans. Das Filmverleihgeschäft war den beiden kreativen Köpfe aber immer schon zu konservativ und schwerfällig. Deshalb gründeten sie erst einen eigenen Verleih und dann ein Onlineratgeber für Film- und Fernsehfans. Die Geschichte einer ungewöhnlichen Karriere - in der auch Silvio Berlusconi eine Rolle spielt.
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BERLIN. Tobias Bauckhage und Jon Handschin sind große Fans von Silvio Berlusconi. Das liegt aber nicht an der Politik oder am Geschäftsgebaren des italienischen Ministerpräsidenten. Berlusconi hat einen ihrer Filme bekannt gemacht – wenn auch unfreiwillig und nicht persönlich.

Es war der Abend des 7. Dezember 2005 und die Europapremiere des Hollywood-Streifens „King Kong“. Die deutsche Filmbranche wurde Zeuge, wie sich ein bestens gelaunter Berlusconi auf dem roten Teppich in Berlin auf die Brust trommelte und den tierischen Hauptdarsteller des Films imitierte. Es war die Sensation des Abends. Völlig überraschend war der Italo-Star aus Rom eingeflogen. So unerwartet, dass Auswärtiges Amt und Berliner Polizei keine Gelegenheit hatten, den Blitzbesuch eingehender zu prüfen. Wer sich da auf dem Teppich zum Affen machte, war aber nicht Silvio Berlusconi, sondern ein Doppelgänger: der Schuhverkäufer Maurizio Antonini aus Italien.

Erst am Tag darauf flog der Marketing Gag auf und die E-Mailfächer von Bauckhage und Handschin füllten sich: Die Branche war begeistert. Den Coup hatten sich die beiden Gründer des Filmverleihs Jetfilm zusammen mit Ex-Titanic-Chefredakteur Martin Sonneborn und Regisseur Jan Henrik Stahlberg überlegt, um ihrem Satirestreifen „Bye Bye Berlusconi!“ die nötige Aufmerksamkeit zu verschaffen. Hinzu kamen Videos bei Youtube, die das Berlusconi-Double unter anderem dabei zeigten, wie es eine Politesse sexuell belästigt. „Das war ein Mordsspaß“, sagt Bauckhage.

Trotz aller witzigen Kampagnen und Schlagzeilen hat sich das Filmverleihgeschäft aber als zu konservativ und schwerfällig für die beiden kreativen Köpfe erwiesen, die zuvor als Unternehmensberater und Produzent arbeiteten. Deshalb gründeten sie Moviepilot. Seit Frühjahr 2007 gibt es ihre Film Community im Internet. „Filmverleih ist sehr traditionell. Das Web 2.0 gibt dir aber die Chance, mit nicht viel mehr als einer Idee etwas Großes auf die Beine zu stellen“, sagt Handschin.

Moviepilot ist ein Onlineratgeber für Film- und Fernsehfans. Zuletzt nutzten mehr als 1,2 Millionen User monatlich das Angebot, die 45 000 Filme in der Datenbank mit Noten von eins bis zehn zu bewerten, sich Tipps für den Kinobesuch geben zu lassen oder mit Gleichgesinnten zu fachsimpeln. Auch die Schauspieler Heike Makatsch, Til Schweiger und Robert Stadlober diskutieren auf der Seite ihre Lieblingsfilme. Zudem bietet Moviepilot einen Überblick über das komplette Fernseh- und bundesweite Kinoprogramm und listet alle DVD-Neuerscheinungen auf. Aus kleinen Anfängen haben Bauckhage und Handschin so ein erfolgreiches Start-up mit 20 Mitarbeitern aufgebaut.

Der Internetunternehmer Stefan Glänzer, der zuvor mit dem Musikdienst LastFM ein ähnliches, auf Nutzerbewertungen basiertes Portal finanzierte, war als Business Angel von Anfang an dabei. „Mir hat schon beim ersten Gespräch gefallen, mit wie viel Leidenschaft Tobias und Jon ihre Idee vorgetragen haben.“ Glänzer investierte und öffnete die Türen zu anderen Geldgebern. Zuletzt stiegen die IBB Beteiligungsgesellschaft und T-Venture – eine Tochter der Deutschen Telekom – bei den Moviepiloten ein, die überdies von der europäischen Filmförderung Media mit 700000 Euro unterstützt werden. Es läuft gut für die beiden Gründer. Dabei hat es lange gedauert, bis sie wussten, was sie wirklich wollen.

Kennengelernt haben sie sich am ersten Tag ihres Studiums an der RWTH Aachen im Wintersemester 1995 beim Einführungskurs. Beide haben sich für Maschinenbau eingeschrieben, doch ist ihnen „schon am ersten Tag klar, dass wir wieder weg wollen“, sagt Handschin. Zuhause allerdings sitzen erwartungsvolle Väter. Bauckhage senior ist Professor für Maschinenbau in Bremen, Handschins Vater Professor für Elektrotechnik in Dortmund. „Die wollten natürlich, dass ihre Söhne ebenfalls Ingenieure werden“, erzählt Handschin. Deshalb, um zu beweisen, dass sie den Herausforderungen des Studiums gewachsen sind, stürzen sie sich ins ungeliebte Fach und sammeln im ersten Semester fast alle Scheine an der Elite-Uni.

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