Karriere im Mittelstand
„Die Frau muss mit in die Provinz“

Headhunter Achim Brühne redet Tacheles. Der Personalberater erklärt die Vorzüge einer Karriere im Mittelstand, warum ein Einstieg als Berater sinnvoll ist und welche ungeahnten Folgen die Frauenquote mit sich bringt.

Herr Brühne, Konzern oder Mittelstand – wo lässt sich heute am besten Karriere machen?
Bis Ende der 90er-Jahre legten ambitionierte Absolventen noch großen Wert darauf, bei einem großen Namen wie Siemens oder BMW beruflich einzusteigen. Die Top-Leute standen dort Schlange. Doch die Attraktivität von Konzernen ist gesunken. Viele stört, dass Großunternehmen mit ihren starren Hierarchien oft unbeweglich sind wie Behörden.

Sieht das denn im Mittelstand besser aus?
Heute muss ich als Personalberater karriereorientierten Kandidaten den Mittelstand als Arbeitgeber nicht mehr schmackhaft machen. Denn es hat sich längst herumgesprochen, dass Jungmanager bei Mittelständlern meist einen interessanteren, weil ganzheitlichen Blick auf ein Unternehmen bekommen. Zudem sind mittelständische Unternehmen eher bereit, geeigneten Führungskräften schnell eine breitere Verantwortung zu übertragen. Auch ist es deutlich einfacher, zwischen Abteilungen zu wechseln als im Konzern. Wer sich bemüht, kann bei einem Mittelständler schnell umfassende Erfahrung sammeln und sich für höhere Aufgaben qualifizieren.

Aber können Mittelständler denn gehaltlich mit Konzernen mithalten ?
Gehaltliche Differenzen sind deutlich stärker ausgeprägt zwischen einzelnen Branchen, weniger innerhalb derselben Branche zwischen Konzernen und Mittelständlern. Letztlich konkurrieren innerhalb eines Industriesektors alle Akteure um die besten Köpfe. Insofern sehe ich signifikante Gehaltsunterschiede zu Konzernen allenfalls auf der Top-Ebene.

Was raten Sie Absolventen, die eine Spitzenkarriere anstreben?
Mein persönlicher Rat an ambitionierte Absolventen: die ersten zwei bis vier Jahre Erfahrung in einer Managementberatung sammeln. Dort lernen sie in kürzester Zeit viele verschiedene Unternehmen kennen und sind mit den typischen Manager-Problemen konfrontiert. Zum Beispiel: Wie richte ich den Vertrieb neu aus? Wie lässt sich die Produktion straffen? In welchen Auslandsmärkten lohnt sich der Einstieg? Wie erlange ich die Technologieführerschaft?

Aber Beratern wird oft vorgehalten, sie könnten Probleme vornehmlich am grünen Tisch lösen...
In einer Beratung lernt man, Probleme zu identifizieren und zu strukturieren, nicht unbedingt die Lösung umzusetzen. Deshalb empfehle ich auch, nicht länger als vier Jahre dort zu bleiben. Zumal große Häuser wie McKinsey, BCG & Co. ihre jungen Consultants oft verhätscheln. Nicht zu unterschätzen ist der Einfluss des Alumni-Netzwerks der großen Beratungshäuser, von dem Ehemalige noch Jahrzehnte profitieren können. Licht und Schatten. Allerdings beobachte ich auch, dass Jungberater mit Ende 20 oft altklug umherlaufen, sich aber operativ noch nie bewiesen haben.

Also höchste Zeit, ins bodenständige Tagesgeschäft eines Mittelständlers zu wechseln?
Genauso so sehe ich das! Als nächsten Karriereschritt rate ich Ambitionierten zu einer Position im mittleren Management im Mittelstand – etwa als stellvertretender Werksleiter, Gruppenleiter Entwicklung oder Produktmanager. Dort bekommen Jungmanager viel schneller Verantwortung als in einem Konzern. Und auch Mittelständler sind heute sehr international. Ob ein Unternehmen in 15 oder 50 Ländern aktiv ist, macht letztlich keinen großen Unterschied.

Viele Mittelständler machen zwar einen Großteil ihres Umsatzes im Ausland. Das Stammhaus sitzt aber oft in der tiefsten Provinz sei es in der Schwäbischen Alb oder im Sauerland. Da zieht es polyglotte Manager nicht unbedingt hin – schon gar nicht deren berufstätige Partner. Ist das zunehmend ein Problem?
Die meisten Mittelständler verlangen, dass Manager ihren Lebensmittelpunkt an den Stammsitz verlegen – und das zu Recht. Dass die Familie mitzieht, ist meist ein entscheidendes Kriterium für die Stellenzusage. Die Frau muss mit in die Provinz! Wer offen sagt, dass er lieber pendelt, ist im Selektionsprozess schnell draußen. Nach meiner Erfahrung lernt die Familie die hohe Lebensqualität und den Freizeitwert dort aber rasch zu schätzen. Die vermeintliche Provinz offenbart ihre Vorzüge erst auf den zweiten Blick.

Trotzdem kann kein Arbeitgeber das Pendeln verbieten…
Wenn die Familie in einer Metropole wohnen bleibt und der Manager pendelt, kostet das viel Zeit und Kraft. Zu einer 50 bis 60-Stunden-Woche kommen dann noch stundenlange Fahrten hinzu. Das sollte sich jeder genau überlegen. Dauerpendler sind einem Arbeitgeber nur schwer zu vermitteln.

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