Karrierewege
Aus Mann mit Rat wird Mann der Tat

Jens Weyer hat die Firma seines Vaters erst verschmäht und als Berater Karriere gemacht. Dann hat er die Schreinerei zurückgekauft - von Finanzinvestoren. Seit zwei Jahren heißt es nun für ihn: Bottrop statt Boston, gekachelte Wände statt hipper Skyline. Die Geschichte einer ungewöhnlichen zweiten Karriere.
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BOTTROP. Flughafen Düsseldorf, an der Sicherheitsschleuse steht Jens Weyer. In den Händen hält er eine Kabeltrommel und eine Leiter. Menschen hetzen an ihm vorbei, Lautsprecher quaken, die Schleusen piepen. Ein bekanntes Gesicht zeigt sich in der Menge. Dunkler Dreiteiler, Krawatte, Blackberry am Ohr. Hans-Paul Bürkner, Weltchef der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG), drängelt Richtung Gate. Jens Weyer, den Mann mit den Handwerksutensilien, ignoriert er. "Da wusste ich endgültig, dass ich in einer anderen Welt angekommen bin", sagt Weyer. Bürkner ist sein ehemaliger Chef. Statt wie dieser eilig durch die Welt zu jetten, baut Weyer nun am Flughafen neue Wände.

Der 33-jährige Weyer war Berater bei BCG. Einer, dessen Karriere seit dem Einstieg im Jahr 2002 steil nach oben ging. Einer, der Unternehmen wie die Deutsche Bahn, Heidelcement oder Alcoa beriet und den Konzernoberen sagte, wie sie ihre Arbeit verbessern können. Einer, der erst in Berlin und später in Boston lebte. Doch dann nach fünfeinhalb Jahren genug hatte und das machte, was Berater selten machen - er wurde Unternehmer und zog nach Bottrop.

Der Mann mit Rat ist jetzt ein Mann der Tat. Weyer hat das Unternehmen zurückgekauft, das sein Vater einst an Private-Equity-Investoren verkaufte und gestaltet jetzt Inneneinrichtungen von Ladenketten. Dafür hat er sein ganzes Geld aufs Spiel gesetzt, mitten in der größten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten. Und nach eineinhalb Jahren sagt Jens Weyer: "Ich bereue nichts." Nicht das Risiko, nicht die Bodenständigkeit - und auch nicht Bottrop.

Weyers zweite Karriere beginnt an einem Sommertag vor zwei Jahren. Zusammen mit seiner Frau, einer Architektin, lebte er zu dieser Zeit seit mehr als einem Jahr in Boston, als das Telefon schellt. Sein Vater ist am anderen Ende der Leitung. Ob er sich vorstellen könne, Unternehmer zu werden?

Die Frage ist nicht neu, überrascht ihn aber. Vor sechs Jahren war das Thema schon einmal aufgekommen. Seinerzeit wollte Senior Manfred Weyer die Inneneinrichtungsfirma, die er über vier Jahrzehnte aufgebaut hatte, an den Filius übergeben. Der aber fühlte sich zu jung, um fast 100 Mitarbeiter und mehrere Millionen Euro Jahresumsatz zu führen. Und schon gar nicht wollte sich der damals 25-Jährige auf ein Leben im Ruhrgebiet festlegen. Also lehnte er Papas Wunsch ab. Weyer senior zog die Konsequenz und verkaufte sein Lebenswerk an einen Private-Equity-Fonds der Signal Iduna, blieb aber selbst Geschäftsführer.

2007 wollte der Fonds die Schreinerei wieder loswerden. Und da ist Weyer junior bereit zur Umkehr. Zusammen mit dem bisherigen Co-Geschäftsführer Achim Heilmann, den die Signal Iduna inthronisierte, bereitet der Berater die Unternehmerkarriere vor. Mit seiner Frau wälzt er wochenlang Gedanken. Von Boston nach Bottrop? Vom Berater zum Handwerker? Vom Gutverdiener zum Gesellschafter?

"Ich habe mich nicht aus familiärem Pflichtbewusstsein dafür entschieden. Aber ich wollte keine klassische Konzernkarriere einschlagen. Das ist mir zu anonym, zu politisch." Seine Beraterkollegen staunen. Ins Ruhrgebiet? Und dann auch noch in eine Schreinerei? Einer der ihren ist mal Brauer geworden. Darunter konnten sie sich noch was vorstellen, Bier trinkt man auch bei BCG. Aber Schreinerei?

Schon als Kind hat Weyer im väterlichen Betrieb mit angepackt, als Teenager hatte er sich dort schon sein Taschengeld mit Aushilfsjobs verdient. Weyer ist ein klassisches Unternehmerkind. Wie tickt ein Unternehmen? Wie funktioniert der Markt? Diese Fragen bewegen Weyer. Sein Vater erklärt ihm früh: "Du kriegst von uns eine Ausbildung ermöglicht, aber danach musst du auf eigenen Beinen stehen." Schreiner könne er doch werden. "Dabei hatte ich doch zwei linke Hände", erinnert sich der Sohn.

Also studiert er zunächst BWL in Münster, macht Auslandssemester, wird Diplom-Kaufmann - und will in die Welt. BCG ist der Schlüssel dazu. Dabei weiß auch Weyer, dass die Branche der Berater eine Kaste der Besserwisser ist. Die Klischees wandern durch den Kopf - und dennoch sagt er nach einem Schnupperpraktikum bei BCG in Berlin zu.

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