Keksdynastie
Bahlsen gegen Bahlsen

Vor 121 Jahren erfand Hermann Bahlsen den Keks. Deutschland bekam ein Nationalgebäck und der Duden einen neuen Eintrag. Doch in der dritten Generation zerbröselte die Familie. Eine Unternehmensgeschichte - und ein Familiendrama.
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BERLIN. Eine Warnlampe blinkt, ein Gefahrenmelder surrt, die Maschine stottert, die Bremse quietscht. Werner Michael Bahlsen hüpft erschrocken einen Schritt zurück. Er wollte nur zeigen, wie das so läuft in seinem Gebäckwerk im Berliner Stadtteil Tempelhof, marschiert, die Schultern nach vorne gebeugt, durch die Produktionshallen, die Handflächen nach außen gedreht, die Arme in heftigem Schwung. Und nun das!

Werner Michael Bahlsen ist der Enkelsohn des Unternehmensgründers, Nachfolger auf dem Chefsessel des Keksherstellers in dritter Generation und kommt nur alle paar Monate in die Hauptstadt, um nach dem Rechten zu sehen. Er wird dort stets willkommen geheißen wie ein verlorener Sohn.

"Ich bin im Herzen immer noch Konditor", ruft Bahlsen im Lauf, schnappt sich ein Stück Buttergebäck aus der Ofenröhre und steckt es in den Mund. Mit vollen Backen flitzt er weiter zum Band, auf dem Schokoladenriegel kreisen. Eigentlich ist Bahlsen als scheuer Mensch bekannt, aber nun winkt er begeistert. Dieser Keks hier, sagt er euphorisch, habe das Riegelgeschäft revolutioniert. Und in all dem Überschwang hat er diese Lichtschranke übersehen, deren Unterbrechung nun den Alarm auslöst.

"Herr Bahlsen!" ruft die Frau am Band. "Sie haben die Produktion lahmgelegt!"

Die Bahlsens sind eine der bekanntesten und erfolgreichsten Familien des Landes. Großvater Hermann Bahlsen brachte um die Jahrhundertwende den Keks nach Deutschland. Der Gründer schuf mit der Marke Leibniz eine nationale Kindheitserinnerung und eine der ersten großen deutschen Marken. Die zweite Generation entwickelte sie zu einer von Weltrang weiter - und verdiente damit Milliarden.

Nun ist die dritte Generation mit Werner Michael Bahlsen am Ruder, die das Lebenswerk ihrer Ahnen vor ein paar Jahren noch nah an den Abgrund gebracht hatte. Neid, Missgunst und Rache führten dazu, dass das Keks-Imperium in der dritten Generation in zwei Teile zerbröckelte. Heute geht es den Firmen allerdings wieder gut.

In einer 121 Jahre währenden Unternehmensgeschichte haben drei Generationen von Bahlsens ein großes Familiendrama geschrieben, dessen Hauptmotiv der ewige Kampf um Anerkennung ist: Geschwister gegen Väter, Bruder gegen Bruder, Brüder gegen Vettern, in jeder Generation war das so. Dass es in der jüngsten besonders schlimm wurde, liegt auch daran, dass der Vorgänger seinen Nachlass nicht sauber geregelt hat.

Vater Werner gab die Leitung des Unternehmens über Jahrzehnte nicht aus der Hand, weil er der dritten Generation die Nachfolge nicht zutraute. "Der Beste wird sich durchsetzen", pflegte er zu sagen. Von Geburt an waren die Brüder Rivalen.

Viele Jahre lang stritten Werner Michael und sein älterer Bruder Lorenz nach dem Tod des Vaters deshalb, wo es mit dem 1891 gegründeten Unternehmen hingehen soll, bis es im Jahr 1999 zum Bruch kam und sie zwei Unternehmen gründeten - Bahlsen und Lorenz.

Der eine machte fortan Kekse, der andere Salzstangen. Süß und salzig - deutlicher konnte der Bruch nicht sein. Bis heute sprechen die beiden kaum miteinander. Blickt man zurück in die Historie des Unternehmens, ist das nicht so überraschend, wie es scheinen mag. Das Unternehmen Bahlsen trug den Keim familiären Unfriedens immer in sich. Jede der drei Generationen hegte und pflegte das Unternehmen, aber nicht die Beziehung zu den Nachkommen.

Kommentare zu " Keksdynastie: Bahlsen gegen Bahlsen"

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  • Ich denke der Seele von Gottfried Wilhelm Leibniz geht es darum, die Familienbande wieder zu stärken indem man sich nicht mit fremden Federn schmücken sollte, ohne die nachfolgenden Generationen mit den Kekspackungen darauf hinzuweisen, wer Herr Leibniz war und welche Erungenschaften wir ihm zu verdanken haben.

  • Die Leibniz-Keks waren lediglich eine billige Kopie der qualitativ wesentlich besseren französischen Petit-beurres -- im Aussehen identisch, aber im Geschmack kein Vergleich.

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