Knappe Kredite
Mittelständler hadern mit den Banken

Eine Umfrage zeigt: Das Vertrauen der Wirtschaft in den Finanzsektor ist erschüttert. Während sich die Großindustrie erholt hat, belasten Rezession und Finanzkrise den Mittelstand noch immer. Doch an Kredite kommen die Firmen nur mühsam. Noch härter wurde der Einzelhandel getroffen.
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DÜSSELDORF. Während die Großindustrie Rezession und Finanzkrise weitgehend abgehakt hat, ächzen weite Teile des Mittelstands nach wie vor unter den Folgen. Ein Großteil der Unternehmen hat noch nicht das frühere Ertragsniveau erreicht, der Finanzierungsbedarf ist vielfach gestiegen, wie eine gestern veröffentlichte Umfrage der Commerzbank unter 4.000 Geschäftsführern und Inhabern von mittelständischen Unternehmen zeigt. Die Hälfte der Mittelständler klagt demnach über eine schlechtere Ertragslage als 2008, für 43 Prozent der Unternehmen habe sich der Zugang zu Krediten erschwert.

Der Maschinenbauverband VDMA bestätigt die Ergebnisse: Hauptgeschäftsführer Josef Trischler berichtet zwar, dass die Firmen meist mit den Banken zu einer Einigung gekommen seien. Allerdings habe es Schmerzen auf Seiten der meist mittelständischen Unternehmen der Branche gegeben. "Die Firmen hatten höhere Kosten für die Kredite, es mussten mehr Sicherheiten gestellt werden und einige mussten auch Eigenkapital zuschießen", sagt Trischler. Laut Commerzbank-Studie ist für die Hälfte der Maschinenbauer der Zugang zu Krediten schwieriger geworden. Jeder achten Firma wurden wichtige Kreditlinien gekürzt.

Einzelhändler leiden am meisten

Noch härter wurde nur der Einzelhandel getroffen: Hier klagen 53 Prozent der Führungskräfte über einen schwierigen Zugang zu Krediten; jedem fünften Unternehmen wurden wichtige Kreditlinien gekürzt. Auch die Lebensmittelbranche stöhnt: "Der Zugang zu Krediten ist erschwert", sagte ein Sprecher des Bundesverbandes der deutschen Süßwarenindustrie. Viele Unternehmen hätten eine Geldspritze bitter nötig, weil die Rohstoffpreise zulegen und die Banken massiv in den Handel mit diesen Rohstoffen einsteigen. "Auf der einen Seite gewähren die Banken keinen Kredit, auf der anderen Seite sollen die Hersteller in Rohstoffzertifikate investieren, um das Geschäft der Banken anzukurbeln", klagte der Sprecher. Etwas entspannter ist die Lage dagegen bei Pharma und Chemieunternehmen sowie im IT- und Telekomsektor.

Vor allem bei kleinen Unternehmen können gekappte Kreditlinien rasch zur Existenzbedrohung werden. "Denen geht schnell die Puste aus, wenn ein paar Aufträge wegfallen", sagt der Geschäftsführer des Verbandes der Insolvenzverwalter Deutschlands (VID), Daniel Bergner. Ihnen fehle zudem Geld, um im Aufschwung zu investieren und von der steigenden Nachfrage zu profitieren. Daher rechnet die Wirtschaftsauskunftei Creditreform für 2010 mit bis zu 36.000 Insolvenzen - das wären 3.000 mehr als im Rezessionsjahr 2009.

Laut der Commerzbank-Studie hat die Finanzkrise das Vertrauen des Mittelstands in die Banken stark beschädigt: 61 Prozent der Unternehmen geben an, dass ihr Vertrauen in die deutsche Bankenlandschaft gesunken ist, immerhin 14 Prozent sind von der eigenen Bank enttäuscht. 22 Prozent haben in den vergangenen zwei Jahren wesentliche Veränderungen in den Geschäftsbeziehungen vorgenommen.

Fast alle Mittelständler wünschen sich mehr Verhandlungsbereitschaft bei Preisen und Konditionen und erwarten unbürokratisches Vorgehen. Für 63 Prozent ist die Bereitschaft der Banken zu mehr Risiko ein wichtiges Anliegen.

Trotz des rasanten Aufschwungs sind längst nicht alle Gefahren für den Mittelstand gebannt. Der Chefvolkswirt der KfW-Bankengruppe, Norbert Irsch, sieht das Engagement deutscher Banken in hoch verschuldeten Euro-Staaten und die schärferen Anforderungen an das Eigenkapital der Institute ("Basel III") als Risiko für den Mittelstand.

Mitarbeit: Wolfgang Gillmann, Christine Weißenborn

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