Know-How Diebstahl im Mittelstand
In China aufs Kreuz gelegt – und daraus gelernt

Eginhard Vietz spricht Dinge aus, die andere Mittelständler denken, aber nie sagen würden. Zum Beispiel über Diebstahl von geistigem Eigentum in China. Damit hat Vietz eigene Erfahrungen gemacht: Inmitten der China-Euphorie zog er sich aus dem Reich der Mitte zurück.

HAMBURG. Eginhard Vietz hat auf jeden Fall Mut. Wenn er Themen für wichtig hält, spricht er sie an – egal, ob seine Meinung nun populär ist oder ob er sich in den Augen anderer damit unmöglich macht. Im Anschluss an die Pressekonferenz von Außenminister Frank-Walter Steinmeier auf einer Auslandsreise ergriff er kürzlich vor einem staunenden Journalistentross das Wort, um sich für die wegen der Korruptionsaffären im Rampenlicht stehende Siemens AG in die Bresche zu werfen. „Viele Aufträge im Ausland bekommt man nur so, das ist nun mal ein Fakt“, sagt er auch heute noch.

Der 67-jährige Gründer und Chef der Vietz Pipeline Equipment GmbH in Hannover ist einer, der ausspricht, was etliche andere Mittelständler auch denken, aber nie sagen würden. Etwa, dass die Bundeskanzlerin Angela Merkel mit ihrem Boykott der Olympiaeröffnung vielen beim China-Geschäft Steine in den Weg legte. Oder dass die Bundesregierung dem Mittelstand schadet, weil sie sich auf Druck der amerikanischen Regierung weigert, mit Staaten wie Venezuela oder Iran Außenhandelsabkommen abzuschließen. „Offiziell erklärt die US-Politik diese Länder zu Schurkenstaaten, und hintenherum machen die US-Firmen mit Hilfe der Botschaften ihre Geschäfte doch. Und wir gucken zu“, moniert der Unternehmer.

Vor vier Jahren machte Vietz von sich reden, weil er als einer der wenigen den Mut hatte, publik zu machen, was vielen widerfährt: Inmitten der China-Euphorie zog er sich aus dem Reich der Mitte zurück, weil er zum Opfer chinesischer Wirtschaftsspione geworden war. „Alle anderen, die in China komplette Maschinen gebaut haben, haben die gleiche Erfahrung gemacht. Aber keiner traut sich, darüber offen zu sprechen.“

Vietz’ Know-how ist begehrt. Die Hannoveraner verkaufen Rohrbiegemaschinen, Vakuumrohrhebegeräte und Prüftechnik für den Bau von Ölpipelines. Vor allem ihre neue Laserschweißtechnik ist gesucht. „Jedes Jahr werden zwischen 20 000 und 25 000 Kilometer Pipeline verlegt“, weiß er. „Heute schaffen rund 300 Leute pro Tag einen Kilometer Pipeline von einem Meter Durchmesser. Mit unserer Lasertechnik schaffen zehn Leute fünf Kilometer am Tag.

Bei Peking hatte Vietz vor fünf Jahren – auf Druck der chinesischen Behörden und staatlicher Ölfirmen – ein Produktions-Joint-Venture gegründet. „Aber die chinesischen Partnerfirmen hintergingen uns, sie hatten Mitarbeiter in der Firma installiert, die nur das Ziel hatten, möglichst viel Know-how abzuziehen. Also haben wir die Geschäfte allein weitergeführt. Und dann entpuppt sich auch der Betriebsleiter, den ich selbst eingestellt habe, als Kuckucksei. Der haute ab mit einem Laptop voller Baupläne“, erinnert sich Vietz. Nach einem Handgemenge kam die Polizei und nahm den Betriebsleiter mit – der aber wenig später wieder auf freiem Fuß war. Doch der Laptop mit den Firmengeheimnissen blieb verschwunden.

Dass ausgerechnet ihm, den China-Veteranen, der seit 20 Jahren dort aktiv war und den im Pipeline-Geschäft jeder kennt, so etwas passiert, hat ihn nachdenklich gemacht: „Viele andere gehen völlig naiv nach Fernost, um Geschäfte zu machen. Und dann legen mich Freunde, Menschen, die ich seit zwölf Jahren kenne, aufs Kreuz“, sagte er damals dem Handelsblatt. Bis heute schmerzt ihn, wie sein Vertrauen missbraucht wurde. Aber er sagt auch: „Ich habe aus dieser Sache ungeheuer viel gelernt, was man anders machen muss.“

Denn Eginhard Vietz ist keiner, der jammert. Das tat er auch nicht, nachdem seine Eltern dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer gefallen waren und er mit seinen Großeltern und einem Handkarren aus der Heimat, nach Westen fliehen musste. Vietz kämpft, notfalls im Alleingang, wenn kein anderer mitzieht. „Ich habe ja nichts zu verlieren. Ich habe keine Angst, öffentlich die Niederlage einzugestehen. Und ich glaube, dass viele aus meinem Beispiel lernen können.“ Deshalb macht er die Pleite publik, sagt er.

Walfried Sauer, Geschäftsführer des Sicherheitsberatungsunternehmens Result Group wünscht sich denn auch, dass mehr Firmenlenker diesen Mut aufbringen würden. „Wenn sich mehr Unternehmen offen über den Modus Operandi von Wirtschaftskriminellen austauschen würden, könnten sie sich selbst auch präventiv besser schützen.“ Fast immer schweigen Unternehmen verschämt, denen Know-how gestohlen wurde, aus Angst vor Imageschäden. Seit Jahren machen deutsche Firmen immer die gleichen Fehler und fallen auf die gleichen Spionagemaschen herein.

Vietz’ erste Konsequenz nach der Malaise: Er produziert nicht mehr in China. „Dort lassen wir nur noch Kataloge drucken“, sagt er. Nur einige Einzelkomponenten, die keinen Rückschluss auf die Technologie in den Vietz-Maschinen ermöglichen, lässt er noch da fertigen. Und wenn ein chinesisches Unternehmen seine Pipelinebaumaschinen bestellt, bekommt es zwar Vietz-Maschinen, aber nur welche ohne Lasertechnik.

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